Die Bassbox wummert. Zuckende Leiber. Der Rauch kriecht wie eine Schlange über den Boden. Drängelt sich durch die tanzenden Massen. Nacht. Wochenende. Blitzende Lichter. Party im Bahnhofskeller. Eine zarte DJane mit dem zauberhaften Namen „Voices“ mixt harte Beats und sphärische Klänge zu einem Deep-House-Sound. Clubkultur vom Feinsten. Techno ist tot? Denkste.

Abseits der Mainstream-Diskos ist in der sächsischen Landeshauptstadt in den vergangenen Jahren eine gut vernetzte Club-Szene entstanden, und einmal im Jahr feiern sich die DJs und Elektro-Artisten beim DAVE-Festival. In zehn Tagen finden an knapp 30 verschiedenen Orten mehr als 50 Veranstaltungen statt.

 

DAVE steht für Dresden Audio Visual Experience. Eine ganz besondere Erfahrung in Bild und Ton war schon die Auftaktveranstaltung. Der Dresdner Sound-Designer Jarii van Gohl mischte Klang-Collagen mit Videoschnipseln zu einem brachialen Gesamtwerk. Seine Spezialität sind sogenannte Field-Recordings. „Ich fange mit dem Mikrofon die Geräusche ein – sei es Wind, Straßenlärm, Geräusche in Kellern, an Rohren, überall“. Jarri van Gohl, der mit bürgerlichem Namen Jörg Rebelein heißt, ist sonst ein eher bodenständiger Musiker als Schlagzeuger im Noiserock-Flaggschiff Dÿse. Doch den Sound der Umgebung einzufangen und ihn neu zu vertonen, das hat ihn schon immer gereizt. „Ich fühle mich dabei wie der Weltentdecker Humboldt, nur eben auf der Suche nach Geräuschen“, beschreibt er seine Leidenschaft. Nach seinen Worten kann man aus allem Musik machen. Das beweist er im Konzert. Dann mischt er die Soundfetzen aneinander, es finden sich eine eigene Ästhetik und sogar auch Melodien. Mit etwas Fantasie könnte man sicher dazu tanzen.

In einer zweiten Show hat er mit dem Musiker Stefan Senf im ehrwürdigen Militärhistorischen Museum einen Film vertont. Einen Spionage-Stummfilm-Thriller unterlegt mit Klangfetzen. Das Publikum war begeistert. Solche Shows zeigen, wie das Festival gewachsen ist. Der Anspruch geht inzwischen deutlich über die reine Clubkultur hinaus. Erstmals in diesem Jahr wurde sogar eine Lesung geboten.

Daneben steht Vernetzung auf dem Programm und Diskussion, im Rahmen des Festivals diskutieren die Aktiven über die sogenannte Free-Party-Szene, die bei Behörden nicht nur auf Verständnis stößt. Auch das Thema Türpolitik und Rassismus in Clubs und Bars wird diskutiert. Pressesprecher Kai-Uwe Reinhold: „Wir wollen auf Probleme aufmerksam machen und darüber reden.“ Auch die Nachwuchsarbeit ist wichtig, erklärt er. „Wir veranstalten in fünf verschiedenen Locations ein Workshop-Camp.“ Eine ganze Woche lang werden für Einsteiger, gestandene Musiker und angehende Produzenten hochspannende Techniken aus der DJ-Szene vorgestellt und live erprobt.

Doch nach Workshops und Diskussionen ist in der Nacht wieder Party angesagt. Auch da ist das Spektrum breit. Reicht von Techno- und House-Sound über Hip-Hop-DJ-Battles bis hin zu den Elektro-Punks von Atari Teenage Riot. Eins eint aber alle Partys: Sie enden erst, wenn nebenan vom Bäcker schon der Kaffee duftet und die Morgensonne die kalte Herbstnacht verabschiedet.

Weitere Infos: www.dave-festival.de  

Alle Fotos im Beitrag ©Moritz Schlieb