Im Erzgebirge werkelten früher Nachbarn gemeinsam in einer Stube, um Heizmaterial zu sparen. Heute trifft man sich wieder zu Hutzenabenden – weil sie gemütlich sind.

Ob ein Geburtshelfer unter den Besuchern sei, will der Gastgeber wissen. Oder jemand von der Feuerwehr? Nein? „Dann bitte jetzt alle Handys aus!“ Frank Salzer, Holzbildhauer, Sänger und selbst ernannter Traditionspfleger macht gleich zu Beginn klar: Heute Abend zählt nur, was hier und jetzt passiert, heute machen wir es uns gemütlich. Gemütlich wird es aber in erster Linie für die Gäste, die in der gut geheizten Stube des alten Fachwerkhauses am Ortsrand von Zwönitz Platz genommen haben. Für Frank Salzer wird der Abend deutlich anstrengender, er wird am Ende sogar ins Schwitzen geraten. Weil der Kachelofen so schön bullert, aber vor allem, weil er so viel singen, erzählen und erklären wird.

Salzer hat zum Hutzenabend eingeladen, einem alten Brauch im Erzgebirge. Im Winter trafen sich früher abends die Nachbarn reihum in einem Haus; die Frauen klöppelten, die Männer schnitzten. So sparte man Heizkosten, und weil man zusammen weniger allein war, gingen die Arbeiten leichter von der Hand. Diese alte Tradition geriet in Zeiten von Zentralheizung, elektrischem Licht und TV in Vergessenheit. Frank Salzer belebte sie eher unbeabsichtigt wieder, als er das fast 250 Jahre alte Fachwerkhaus in Zwönitz vor dem Abriss rettete. In dem Teil, wo früher das Vieh untergebracht war, richtete er seine Schnitz- und Holzbildhauer-Werkstatt ein. Bald kamen viele Leute zum Zuschauen und Plaudern vorbei und Salzer kaum noch zum Arbeiten. „Das geht so nicht weiter“, dachte er sich da. Heute ist die Werkstatt verschlossen, wenn Salzer schnitzt, dafür steht die Hutzenstube regelmäßig für angemeldete Gäste offen.

Gemeinsam mit Erich Mehlhorn, einem Musiklehrer, den er schon lange kennt, hat Salzer ein kleines Programm ausgearbeitet. Geschichten und Anekdoten von früher, ein bisschen erzgebirgische Heimatkunde, Lieder der Bergmänner – Mehlhorn spielt, Salzer singt mit einer für einen Laien überraschend starken Stimme, manchmal begleitet von Janina, seiner Frau. Während die Gäste in der Pause ein paar Fettbemmen (Schmalzbrote) verdrücken, schneidet Janina Salzer in der Küche hinter der Stube Gebäck auf großen Blechen. „Das ist Kartoffelkuchen“, sagt sie, „der wird aus dem Teig gemacht, der beim Stollenbacken übrig bleibt.“ Den richtigen Stollen schneide man im Erzgebirge nämlich erst zu Heiligabend an, erklärt Frank Salzer, diese Tradition sei ihm heilig. Deutlich heiliger jedenfalls als der Blechkuchen, denn: „Was heute nicht wegkommt, kriegen die Gänse.“ Edles Futter, mit einem kleinen Haken: „Nicht alle Tiere werden das Weihnachtsfest überleben“, verrät Salzer. Aber zumindest solange er nun im zweiten Teil des Hutzenabends erzählt, singt und schwitzt, können es sich auch die Gänse noch gemütlich machen.

www.salzerhaus.de

Dieser Text erschien in „Es weihnachtet“, dem Winter- und Weihnachtsmagazin des Freistaates Sachsen. Das ganze Heft finden Sie hier.