Die meisten Görlitz-Besucher kommen wegen der historischen Schönheit in die Stadt. Dazu bekommen sie nun dank der „Görlitzer ART“ noch ganz frische Kunst präsentiert. Das passt.

Der „Dicke Turm“ steht auf der einen Seite des Marienplatzes, am anderen Ende das historische Jugendstilwarenhaus. So weit, so bekannt. Doch mitten auf dem Platz ist etwas anders: Drei mächtige Stahlwesen stehen jetzt dort. Meterhoch und schweigend. Passanten eilen vorbei, manche schütteln den Kopf. Ein junges Paar posiert für ein Selfie und eine Touristengruppe diskutiert über die kleine „Herde“. So heißt das Kunstwerk, das als Teil der „Görlitzer ART“ noch bis zum nächsten Jahr zu sehen sein wird. Piotr Wesołowski ist Schöpfer der „Herde“. Er beschreibt seine Arbeit gern mit dem Begriff „URBAN Akupunktur“, weil er seine Installationen ganz gezielt an Orten im öffentlichen Raum platziert, deren Potenzial unterschätzt wird. Diese Orte könnten, so der Künstler, „dadurch in anderem Licht betrachtet werden. Im besten Fall wird so der öffentliche Raum zum Ort der Kommunikation und der Interaktion.“

Strahlende Botschaften

Dass das offenkundig funktioniert, kann Kulturbürgermeister Dr. Michael Wieler bestätigen. Beim Stadtbummel schwärmt er vom „reizvollen Kontrast zwischen gegenwärtiger Kunst und historischer Kulisse“ und freut sich, dass „moderne Kunst ein Jahr lang für jedermann an öffentlich zugänglichen Bereichen“ präsent ist. Als gemeinsames Projekt zwischen Görlitz und der diesjährigen Kulturhauptstadt Wrocław präsentiert die „Görlitzer ART“ etablierte Kunstschaffende wie auch Nachwuchskünstler, die allesamt in der polnischen Metropole arbeiten.

Nicht jedem Görlitzer gefällt das, doch auch das gehört zur Auseinandersetzung, die sich Macher wie Künstler wünschen. Die Kunstobjekte seien als „Kommentar zum historischen Görlitz“ zu verstehen, erklärt Projektkoordinatorin Agnieszka Bormann. Manche Ecke der Stadt erstrahlt nun in einem anderen Licht – und einige Installationen machen damit sogar richtig Ernst. Über dem nächtlichen Wilhelmsplatz leuchtet nun ein weißes „&“ von dem jungen Künstler Krzysztof Furtas und ein anderes Objekt taucht den Busparkplatz an der Conrad-Schiedt-Straße in grünes Licht. Es ist die „Uhr“ von Anna Kuśmierczyk und Klaudia Heintze, deren meterhohe Digitalanzeige im Dunkeln die Industrieruine verschwinden lässt, an der sie montiert wurde.

Nachdenken erwünscht

Mit der „Maske“ am Bahnhof hat Marianne Wesołowska-Eggimann eines der spektakulärsten Kunstwerke der „Görlitzer ART“ geschaffen. Auf dem Kreisverkehr am Busbahnhof platzierte die Keramikerin und Bildhauerin die Skulptur eines vierhufigen Mädchens, das eine Atemschutzmaske trägt. „Wir sind allen möglichen Einflüssen, Gefahren, Verunreinigungen, Krankheiten ausgesetzt und versuchen uns dagegen zu schützen“, sagt die Künstlerin – und überlässt weitere Schlussfolgerungen gern dem Betrachter.