„Darf ich vorstellen? Die Sixtinische Madonna am Klengelsteig“. Mit diesen Worten präsentiert Holger Menzer einer Besuchergruppe augenzwinkernd seinen Schützling. Gemeint ist jedoch nicht das weltberühmte Gemälde der Renaissance, sondern eine Bergwiese in voller Pflanzen- und Farbvielfalt, so wie es eigentlich eher von den Alpen bekannt ist. Menzer ist Leiter und Macher des einzigartigen Naturschutzgroßprojektes „Bergwiesen im Osterzgebirge“. Mit viel Fachwissen und erzgebirgischer Herzlichkeit führt er Interessierte durch das deutschlandweit größte zusammenhängende Gebiet intakter Bergwiesen.

„Da darf der Mensch auch durchspazieren.“

Vor 500 Jahren setzte der Bergbau im Erzgebirge ein und veränderte das Landschaftsbild. Bergleute hielten sich Vieh und legten Heuwiesen an. Gemäht wurde nur ein- bis zweimal im Jahr, anschließend durfte das Vieh weiden. Diese Bewirtschaftungsform ließ eine bunte, artenreiche Bergwiese wachsen. „Die Bergwiese ist eine Kulturlandschaft. Sie wurde vom Menschen geschaffen und gepflegt. Da darf der Mensch auch durchspazieren, aber nur auf den Wegen“, sagt Holger Menzer über seine geliebten Wiesen.

„Etwas aufbauen mache ich am liebsten.“

Wer hinter einem solchen Projekt einen romantischen Naturschützer vermutet, täuscht sich. „Beim Naturschutz kannst du nur mit Kompromissen überleben“, sagt Holger Menzer ganz pragmatisch. Als „diplomierter Bauer“ weiß er um die Probleme der Landwirtschaft im Osterzgebirge. Wenige Vegetationstage erschweren die landwirtschaftliche Nutzung der Wiesen in dieser Region. Die Artenvielfalt litt unter der Überweidung in der DDR. „Nach der Wende lagen viele Felder brach. Die Zahl der Ackerflächen reduzierte sich um die Hälfte. Ein Umdenken bei den Landwirten war notwendig.. Als der gebürtige Bärensteiner im Jahr 2000 mit der Leitung des Großprojektes betraut wurde, war zunächst Überzeugungsarbeit notwendig. „Etwas aufbauen mache ich am liebsten“, so der Projektchef. Seine Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit kamen bei den ansässigen Landwirten gut an. Mit finanzieller Förderung des Bundes und des Freistaates Sachsen wurden Flächen erworben und an die Landwirte verpachtet. Die Bauern bewirtschaften die Wiesen heute wie einst die Bergleute.

„Man hört den Wachtelkönig rufen.“

Die Arbeit der letzten Jahre hat sich gelohnt. „Der Wachtelkönig zählte bis vor zwei Jahren zu den weltweit meistbedrohten Vogelarten. Heute hört man in unserem Gebiet 35 Brutpaare rufen“, erzählt der Projektleiter begeistert. Und auch die Pflanzenwelt ist vielfältiger geworden. Mitten im sächsischen Wintersportgebiet findet sich die deutschlandweit letzte Population des Karpaten-Enzians. Bei dessen Anblick „werfen sich gestandene Männer vor Freude in die Wiese“, so Menzer. Auf dem ehemaligen Schießplatz der Biathleten blüht ein lilafarbener Teppich von Breitblättrigem Knabenkraut, einer Orchideenart. An den sogenannten Steinrücken wachsen Hainwachtelweizen und Feuer-Lilien in einer ungewöhnlich exotischen Farbpracht. Inzwischen sind die seltenen Pflanzen schon ein Besuchermagnet. In den Sommermonaten fragen mehrmals wöchentlich im Projektbüro Bürger an, ob „denn die Orchideen schon blühen“.

„Man dachte lange, dass es in Altenberg nur Schnee gibt.“

Auf Wanderungen über die osterzgebirgischen Bergwiesen erfahren die Besucher nicht nur die Geschichten vom Wachtelkönig und der wilden Orchidee. Wer mit Holger Menzer unterwegs ist, hört Wissenswertes über Land und Leute, lauscht Episoden großer Geschichte und kleiner Erinnerungen. „Als Kinder sind wir auf lackierten Holzlatten die Sachsenabfahrt am Geisingberg runtergefahren, über die Bahnschienen hinweg. Und, weil es noch keinen Lift gab, sind wir zu Fuß die ganzen sieben Kilometer wieder rauf.“ Damals war der Winter im Osterzgebirge noch verlässlicher. „Man dachte lange, dass es in Altenberg nur Schnee gibt.“ Heute kommen die Gäste das ganze Jahr über. Und das liegt auch an den einzigartigen Bergwiesen, die immer mehr Menschen nach Sachsen locken.

www.bergwiesen-osterzgebirge.de