Man muss nicht unbedingt New York oder die Arabischen Emirate bereisen, um beeindruckende Bauten zu entdecken. Eines dieser Wunderwerke der Architektur erstreckt sich eindrucksvoll mitten zwischen bewaldeter Hügel des nördlichen Vogtlandes in Sachsen. In einer Gegend, wo Felder, Wiesen und Wälder die Landschaft bestimmen und es in den kleinen, verschlafenen Örtchen wohl kein Gebäude gibt, das höher als der jeweilige Kirchturm ist, wirkt die gigantische Glötzschtalbrücke wie Goliath im Zwergenland. Die 600 Meter lange und 78 Meter hohe Brücke ist das stolze Wahrzeichen des Vogtlandes. Noch heute rauschen tagtäglich Züge wie Spielzeugeisenbahnen über den 165 Jahre alten Koloss mit den 81 Bögen.

Was uns heute selbstverständlich erscheint, war Mitte des 19. Jahrhunderts eine kleine Revolution. Um die Bahnstrecke Leipzig-Nürnberg auszubauen und vor allem Geschäftsleuten das Reisen zu erleichtern, musste das tiefe, kurvige Tal der Göltzsch zwischen Mylau und Netzschkau überwunden werden. Mit einer solchen Herausforderung hatte man damals keinerlei Erfahrung, und so wurde mittels eines Preisausschreibens ein kluger Kopf gesucht, der einen passenden Entwurf liefern sollte. Doch kein einziger der insgesamt 81 eingereichten Vorschläge konnte den hohen Belastungen des Eisenbahnverkehrs standhalten und realisiert werden. So musste Professor Johann Andreas Schubert, Leiter der Prüfungskommission, selbst zur Tat schreiten und die statischen Berechnungen zur Stabilität der Brücke vornehmen. Ohne Zweifel eine Meisterleistung!

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So gigantisch wie die Brücke selbst sind auch die Statistiken ihrer Errichtung. Von 1846 bis 1851 schufteten monatlich bis zu 1.700 Arbeiter im Akkord. Allein für das Gerüst wurden über 23.000 Baumstämme benötigt. Mehr als 26 Millionen Ziegel wurden in der Brücke verbaut. Kein Wunder also, dass deren Fertigstellung im Sommer 1851 mit unzähligen Schaulustigen und einem Spektakel, das in der Region seinesgleichen sucht, gefeiert wurde. 

Auch wenn man heute viele andere beeindruckend-mächtige Bauwerke findet, als die Menschen damals, hat die Strahlkraft der größten Ziegelsteinbrücke der Welt kein wenig nachgelassen. Das Gefühl, das einen urplötzlich überkommt, wenn man durch die beschauliche Hügellandschaft des Vogtlandes fährt und sich in dem kleinen Ort Netzschkau nach einer Kurve ganz unvermittelt der vier Etagen hohe Gigant einer Brücke vor einem auftut, vergisst man so schnell nicht.

Und vielleicht findet man dann genau hier, mitten in Sachsen, die Antwort auf die Frage, was uns Menschen an monumentalen Bauwerken fasziniert. Für Suchende lohnt sich zudem ein Besuch des urigen Museums, das in einer alten Mühle, der Brücke zu Fuße liegend, die Historie des Baus mit all ihren spektakulären Höhen und unvorhergesehenen Tiefen erzählt. In jedem Fall gehört die Göltzschtalbrücke zu den Wunderwerken Sachsens und sollte bei einem Besuch des Vogtlandes nicht übersehen werden.

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Kulturfreunde aufgepasst: Ein heißer Tipp sind die Open-Air-Veranstaltungen, die direkt auf dem Platz vor der Kulisse der Göltzschtalbrücke, stattfinden. Ob Rock oder Klassik – eine gigantische Atmosphäre ist garantiert! Infos über: http://www.festgelaende-goeltzschtalbruecke.de.

Alle Fotos ©Kai Bergmann