Mitten im Leben, plötzlich aus und vorbei. Sekunden entscheiden oft über Leben und Tod – nicht viel länger dauert es, für den Notfall vorbereitet zu sein. Zumindest, wenn es nach dem Notfallmediziner Dr. Paul Brandenburg geht. Mit seiner elektronischen Patientenverfügung hat er den Nerv der Zeit getroffen. „80 bis 97 Prozent der bestehenden Patientenverfügungen sind komplett unwirksam und für Mediziner nicht zu gebrauchen. Genau hier setzen wir mit unserem Startup DIPAT an“, so Brandenburg. Das innovative System ermöglicht es jedermann, schnell, verständlich und sicher eine Patientenverfügung im Netz anzulegen.

DIPAT hat damit eine wichtige Lücke im medizinischen Versorgungssystem geschlossen und wurde in diesem Jahr sogar mit dem Rockstar-Award der Versicherungsforen Leipzig ausgezeichnet. Wir haben den Arzt und Gründer sowie die Betriebswirtin des Startups Katja Käseberg in ihrem Büro im Leipziger SpinOffice getroffen und mit ihnen über die Notwendigkeit von Patientenverfügungen, ihr Produkt, sowie die Herausforderungen in der Startup-Welt gesprochen.

 

Was ist eine Patientenverfügung, und wieso ist es notwendig, dass jeder Mensch eine besitzt?

Paul: Stellt euch vor, jemand steht mitten im Leben und ihm passiert etwas. Er überlebt die Reanimation des Kreislaufsystems nur knapp und wird zum bettlägerigen Pflegefall. In diesem Fall ist es fraglich, ob derjenige das wirklich so wollen würde. Als Arzt kann man das natürlich nicht für den Patienten entscheiden. An dieser Stelle braucht es eine Patientenverfügung, in der man für den Notfall konkret festgelegt hat, welche Vorstellungen man von Lebensqualität und Medizin hat. Das Problem bekommen oft die Angehörigen zu spüren, wenn ihnen bewusst wird, dass für den entsprechenden Notfall nichts geregelt wurde, und die Person selbst nicht mehr befragt werden kann.

Woher stammt die Idee für DIPAT?

Paul: Ich selbst war hauptberuflich Notarzt und Intensivmediziner und als Freiberufler deutschlandweit tätig. Dabei ist mir der dringende Bedarf an korrekten Patientenverfügungen aufgefallen. Die Idee entstammt also direkt aus der täglichen Berufspraxis.

Wie funktioniert euer System? 

Paul: Im Grunde ist es eine Übersetzungsmaschine Deutsch – Arzt, Arzt – Deutsch. Man beantwortet auf unserer Website Fragen über die  persönlichen Ansichten zur Lebensqualität, und diese werden von uns in Fachsprache übersetzt. Die fertige Patientenverfügung druckt man aus, unterschreibt sie und hinterlegt sie anschließend wieder online. Da der Arzt im Notfall nicht ahnen kann, wo sich die Verfügung befindet, gibt es bei uns einen Notfallaufkleber auf der Versichertenkarte, denn diese wird bei jeder Notfallbehandlung angeschaut.
Katja: Das System ist ganz einfach und vor allem auch für Nicht-Mediziner zu verstehen. Man braucht keinerlei Vorkenntnisse. Wichtig ist auch, dass die Verfügung immer aktuell gehalten wird. Sobald sich etwas im Leben ändert, seien es Krankheiten, Lebensumstände oder Medikamente, muss das aktualisiert werden. Wir kontaktieren unsere Kunden regelmäßig und fragen nach, ob die Kontaktdaten etc. noch aktuell sind. Dieser komplette Service kostet 48 Euro pro Jahr.
Paul: Zum Gesamtpaket gehört auch, dass die Angehörigen kontaktiert werden, sobald die Patientenverfügung online abgerufen wird. Damit weiß ich zum Beispiel, wenn meine Oma ins Krankenhaus kommt.

 

Patientenverfügungen sind an sich nichts Neues. Was unterscheidet euch von anderen Anbietern?

Paul: Bei den meisten Patientenverfügungen handelt es sich nur um reine Phrasensammlungen, die für einen Mediziner viel zu ungenau sind. Hier kommen wir ins Spiel.

Ihr sitzt mittlerweile im SpinOffice – dem Alumni-Büro des SpinLabs. Wie kam es dazu?

Paul: Wir sind damals über einen Veranstalter auf das Programm des SpinLabs in Leipzig aufmerksam geworden und rechneten uns wenig Chance aus. Nachdem wir uns beworben haben, gab es noch mehrere Vorauswahlrunden und am Ende einen Pitch, und letztendlich hat unsere Firma im Oktober 2016 tatsächlich einen der begehrten Plätze gewonnen. Damals waren wir noch zu zweit, jetzt sind wir zu fünft. Die Arbeit hier fühlt sich an wie eine konstruktive Unternehmer-WG.

Welche Chancen seht ihr in Leipzig als Heimat für euer Unternehmen?

Paul: Ich komme ursprünglich aus Berlin und hätte mir im Leben nicht träumen lassen, nach Leipzig zu gehen. Aber, wenn man dann einmal hier ist, merkt man „Oh, es kann sogar funktionieren“. Als Berliner ist man da etwas vorbelastet: Da klappt einfach nichts – von der S-Bahn über den Flughafen bis zur Anmeldung im Bürgeramt. In Leipzig ist das ganz anders: Hier kommt man mit einer kleinen Firma hin, bekommt Ansprechpartner in der Stadt- und Landesverwaltung und eben nicht nur finanzielle, sondern auch politische Unterstützung. Dazu kommt, dass Leipzig sehr beliebt ist. Wir bekommen teilweise Bewerbungen von Menschen aus Brasilien, die unsere Firma nicht einmal kennen, aber einfach Leipzig als Stadt unglaublich interessant finden. Die Lebensqualität stimmt einfach. Leipzig hat definitiv das Potential, die ganzen Fehler, die in Berlin gemacht wurden, nicht zu machen und die bessere Startup-Welt zu werden.

Welche Tipps gebt ihr jungen Gründern?

Paul: Ich glaube, die eigene Idee sollte in drei Worte passen. Man hört ganz oft bei Startups lange Erklärungen und weiß nach drei Sätzen immer noch nicht genau, was sie eigentlich machen. Ein weiterer wichtiger Tipp: Kümmert euch schon vorher um den Vertrieb. Man denkt immer „Das verkauft sich schon irgendwie, das spricht sich rum.“. Nein, tut es nicht. Zuverlässige Vertriebspartner sind von vornherein wichtig.

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