„Werden wir eines Tages von Robotern ersetzt?“ – Die zunehmende Automatisierung in sächsischen Unternehmen sorgt bei vielen Menschen für Unbehagen und Skepsis. Tatsächlich sind solche Ängste in den meisten Fällen unbegründet. Zwar gibt es immer mehr Aufgaben, die Roboter übernehmen. Doch dadurch entstehen auch zahlreiche neue Jobs und Geschäftsideen. In Dresden entwickeln sechs junge Wissenschaftler vom Startup Wandelbots beispielsweise eine Lösung, die Produktionsprozesse von Unternehmen weit über Sachsen hinaus schon bald revolutionieren könnte.

Die Idee: Roboter sollen durch intelligente Kleidung bestimmte Bewegungsabläufe von Menschen lernen und anschließend selbstständig Aufgaben erledigen. Hebt ein Arbeiter seinen Arm und ergreift einen Gegenstand, kann der Roboter seine Bewegung sofort nachvollziehen. Die Daten werden über die Jacke und die Handschuhe der Person an eine Software übertragen. Innerhalb weniger Minuten weiß die Maschine dadurch genau, was zu tun ist und kann sich zudem blitzschnell auf neue Anforderungen einstellen. Wofür Spezialisten und Programmierer bis vor Kurzem noch mehrere Tage gebraucht haben, dafür ist mit Wandelbots kaum noch Zeit und Expertenwissen nötig.

Entwickler Wandelbots

Im Dresdener Büro von Wandelbots gibt es mehrere Roboter-Arme, an denen das Team neue Lösungen ausprobiert.

Das klingt nach Zukunftsmusik? Keineswegs! Um ihre Lösung möglichst zeitnah auf den Markt bringen, erhält das Startup Wandelbots von verschiedenen Firmen aus ganz Deutschland Unterstützung. Ein Berliner Investor finanziert das Vorhaben sogar mit einem sechsstelligen Betrag. Und auch die Uni Dresden und das Land Sachsen helfen, damit sächsische Unternehmen schon bald von der neuen Technologie profitieren. Wir haben das Team besucht und von Mitgründer Christian Piechnick erfahren, was dahintersteckt.

Christian, mit Eurem Startup unterstützt Ihr Unternehmen dabei, Roboter zu programmieren und ihnen innerhalb kürzester Zeit neue Arbeitsschritte beizubringen. Warum ist das für viele Firmen wichtig?

Christian: Vor allem größere Firmen merken, dass immer mehr Startups aufpoppen, die in der Lage sind, individuelle Produkte anzubieten. In der Summe nimmt ihnen das einiges an Kundschaft weg. Deshalb müssen sie Verfahren entwickeln, mit denen ihre riesigen Produktionsanlagen flexibler arbeiten können. Hinzu kommt, dass es viele gefährliche, unangenehme, monotone und unkreative Tätigkeiten gibt, die Menschen nicht übernehmen können oder wollen, zum Beispiel in chemischen Produktionsprozessen, wo Dinge, die mit Chemikalien in Berührung gekommen sind, mit Säuren gereinigt werden müssen. Hier helfen die von uns programmierten Roboter, Arbeiter zu entlasten und die Sicherheit zu erhöhen.

In welchem Moment wusstet Ihr, dass Euer Vorhaben, Roboter mithilfe von intelligenter Kleidung zu programmieren, als Geschäftsidee funktionieren kann?

Christian: Wir haben uns als junge Wissenschaftler vor zweieinhalb Jahren auf der Hannover-Messe mit unserer Lösung präsentiert und sind mit einem riesigen Stapel Visitenkarten wieder nach Hause gefahren. Alle haben gefragt: Ab wann kann ich das kaufen? Dabei war ein Süßigkeiten-Fabrikant, der Roboter braucht, um Pralinen in Pralinenkästen einzusortieren, aber auch ein Filmteam aus den USA, die unsere Lösung gern einsetzen wollte, um bei Verfolgungsjagden mit der Jacke Roboter fernzusteuern, auf denen Kameras sitzen.

Die Anfragen kamen aus unglaublich vielen unterschiedlichen Branchen. Da haben wir uns gesagt: Okay, lasst uns eine Firma gründen.

Wandelbots Kleidung Näherin

Aus normalen Pullis, Jacken und Handschuhen fertigt Maria Piechnick intelligente Kleidungsstücke. Sie hat auf diesem Gebiet an der TU Dresden promoviert.

Wie muss man sich die intelligente Kleidung vorstellen, die die Menschen tragen, um die Roboter zu instruieren?

Christian: Was setzen auf Standardkleidungsstücke: Jacken, Handschuhe, Pullover. In diese integrieren wir Sensoren und Aktoren. Die Sensoren nehmen die Werte auf, die die Körperbewegung betreffen. Die Aktoren geben dem Träger eine Rückmeldung, z.B. durch Vibration. Wenn man dem Roboter beibringt, etwas zu greifen, ist es wichtig, dass man über die Kleidung, z.B. den Handschuh, auch das Gefühl bekommt, dass etwas gegriffen wurde.

Programmierung Computer intelligente Kleidung

Mitarbeiter Christoph Bierung zeigt, wie ein Roboterarm mithilfe intelligenter Kleidung bestimmte Bewegungen erlernt.

Der Großteil des Wertes unseres Startups, etwa 98 Prozent, beruht auf der Software, die wir entwickelt haben. Während dem Roboter eine Bewegung vorgemacht wird, nimmt unsere Software alle Daten auf, die sie sammeln kann. Diese Daten werden analysiert, und daraus wird ein Automatisierungsprozess in Form einen Skripts erstellt. Je öfter ich dem Roboter etwas beibringe, desto größer ist der Datensatz, und desto genauer werden die Bewegungen des Roboters.

Was unterscheidet Euch von Unternehmen, die ähnliche Lösungen anbieten? Gibt es in Eurer Branche viel Konkurrenz?

Christian: Nein, tatsächlich nicht! Es gibt weltweit eine Handvoll Startups, die in eine ähnliche Richtung gehen. Mit einigen sind wir auch sehr gut vernetzt. Zudem gibt es in der Wissenschaft Gruppen, die einen ähnlichen Ansatz fahren. Auf Unternehmensebene sind wir aber, soweit ich weiß, weltweit die Einzigen, die genau diesen Weg über die intelligente Kleidung bei Programmierung von Robotern nehmen.

Nähen Kleidung Sensoren

Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Mitgründerin Maria Piechnick befestigt Sensoren und Aktoren an intelligenter Kleidung.

Die Thematik „Software für Roboter“ ist über Jahrzehnte total vernachlässigt worden. Natürlich gibt es tausende Firmen, die Roboter programmieren. Deren Geschäftsmodell ist es, Unternehmen bei der Automatisierung zu helfen. Du willst einen Arbeitsschritt automatisiert haben? – Dann kaufen diese Anbieter Roboter und bauen eine Zelle drum herum, programmieren alles, kümmern sich um die Sicherheitstechnik und betreiben das. Wenn man etwas ändern will, ist das aufwändig und  wahnsinnig teuer.

Ihr kommt alle von der TU Dresden. Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass Ihr Eure Firma hier gegründet habt. Warum bleibt Ihr bewusst in Sachsen?

Christian: Wir haben einen Berliner Investor, der gern gesehen hätte, dass wir nach Berlin kommen. Wir erhalten Unterstützung von Business Angels in Süddeutschland, die uns gern in München oder Stuttgart hätten. Aber Dresden bietet den Vorteil, dass hier der größte Mikroelektronik-Standort in Europa ist. Das heißt, hier sitzen ganz viele Firmen, deren Kernelement Automatisierung ist. Und genau mit denen wollen wir arbeiten.

Team Wandelbots Dresden

Zuhause in Dresden: Das Team von Wandelbots kommt aus Sachsen und möchte auch unbedingt hier bleiben.

Wir erhalten darüber hinaus Unterstützung durch den Business Hub, die Staatskanzlei und die Stadt. Zudem es ist einfacher, bei Firmen auch auf höheren Managementebenen an Leute heranzukommen als in vielen Großstädten. Hinzu kommt, dass wir hier verwurzelt sind und viele Unterstützer haben. Wir wollen hier bleiben und denken, dass es wahnsinnig viele sächsische Firmen gibt, die unsere Lösung super gebrauchen können.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Müssten wir von „So geht sächsisch.“ uns eigentlich Gedanken darum machen, dass wir eines Tages von Robotern ersetzt werden könnten?

Christian: Wir sind weit davon entfernt, dass Roboter proaktiv und kreativ Probleme lösen. Das, was Menschen wirklich ausmacht, werden Roboter auch in zehn oder 15 Jahren nicht übernehmen können. Roboter sind ziemlich gut darin, wiederholbare Dinge, die man ihnen vorgibt, zu lernen. Aber um alles, was davon abweicht oder unvorhergesehen passiert, muss sich ein Mensch kümmern. Überall dort, wo Roboter eingesetzt werden, gibt es auch Personen, die sie überwachen müssen.

Als die Dampfmaschine erfunden wurde, haben auch viele Leute gedacht, dass sie die Menschheit zugrunde richtet. Hat sie aber nicht, und so wird es auch mit der Automatisierung sein.

www.wandelbots.com