Görlitz pulsiert! Die kleine sächsische Stadt, die die östlichste Deutschlands ist, hat nicht nur wunderbare historische Architektur vorzuweisen, sondern auch eine junge und kreative Szene, die immer mehr aufblüht. Eines der spannendsten Projekte ist aktuell die Jakobpassage mitten im Stadtzentrum. Drei junge Görlitzer haben sich hierfür zusammengeschlossen und einen individuellen Concept Store gegründet, in dem sie gemeinsam arbeiten und ihre (völlig unterschiedlichen) Produkte präsentieren.

Sebastian König, 38, wurde in München geboren und lebt seit sieben Jahren in Görlitz. Er ist Inhaber der 20zollfabrik. Bonanza, BMX, Klappies – er sammelt, restauriert, verkauft und baut alles neu auf, was auf kleinen Rädern läuft. Urban- und Mini-Velos sind hier noch kein großer Trend. Bei ihm kann man schon bekommen, was aktuell sonst nur in Japan und den USA vertrieben wird.

Robert Melcher, 38, geboren in Weißwasser, kam nach dem Designstudium mit seiner Firma Möbelmelcher in die Lausitz zurück. Alles, was die großen Einrichtungshäuser nicht haben und können, gestaltet er für seine Kunden. Individuelle Einbauten für Kinderzimmer und Büros kann er als gelernter Zimmermann genauso umsetzen, wie Plattformen, Galerien oder Außenanlagen.

Der Dritte im Bunde, Clemens Kießling, 26, wurde in Freiberg/Sachsen geboren und kehrte nach dem Studium in der Großstadt wieder in eine Kleinstadt zurück. Als Inhaber der Carloeco fair Fashion GbR sucht er in der Welt nach Streetwear, die ohne Blut, Schweiß und Gift, dafür aber rein aus Biofasern gefertigt wird und vertreibt sie an alle, die ethisch konsumieren wollen oder einfach Qualität bei Alltagskleidung suchen.

Im Interview verraten die Jungs, wie ihr Konzept funktioniert, was das Besondere an Görlitz ist und welche Pläne sie für die Zukunft haben.

Was passiert in der Jakobstraße und konkret in der Jakobpassage?

Die Jakobstraße ist eine Parallelstraße zu einer dieser Shoppingmeilen, wie man sie in wirklich jeder Stadt findet, und sie entwickelt sich langsam genau zum Gegenpol. Hier findet man Unikate – und eben nur diese. Zu einem Leuchtturm dieser Entwicklung hat sich die Jakobpassage entwickelt. Sie bietet hochindividuelle Produkte für alle, die ihren Lifestyle definieren wollen – ethisch oder als Alleinstellungsmerkmal. Wir, Möbelmelcher, 20zollfabrik und Carlo-eco, betreiben gemeinsam den Laden in der Görlitzer Innenstadt und profitieren von den Synergien. Wir arbeiten gemeinsam für die Passage, unsere Firmen und den gesellschaftlichen Mehrwert, unter anderem mit Abendveranstaltungen, Workshops und Vorträgen. Wer diese besondere Lokalität auch einmal nutzen will, ist herzlich eingeladen, denn man kann die Jakobpassage auch privat mieten.

Wer sind eure Kunden?

In erster Linie die Offensichtlichen: die Altersgruppe zwischen 16 und 45 Jahren, aber das ändert sich mehr und mehr. Die Nachfrage steigt vor allem bei älteren Menschen. Durch unsere Zusammenlegung kommen Ältere, die ein Fahrrad suchen, zum Beispiel dazu, dass ihnen ungiftige Textilien wichtig werden oder dass die Wohnzimmereinrichtung ihren Bedürfnissen angepasst werden müsste. So erweitert sich unser Kundenstamm und eine konkrete Zielgruppe ist kaum noch auszumachen. Auch alle sozialen Schichten sind bei uns vertreten. Manche sparen lange auf eine Hose, die sie mit gutem Gewissen tragen können, andere – vor allem Touristen – kommen mit etwas mehr Geld in der Tasche vorbei, schauen und kaufen quasi im Vorbeilaufen.

Ihr arbeitet in drei völlig unterschiedlichen Branchen. Wie funktioniert die Symbiose in einem Store? Wird euer Konzept angenommen?

Wie schon angeschnitten profitieren wir sehr stark voneinander. Jeder hat andere Stärken und zu dritt fallen einem viel mehr Dinge ein und auf. Auch in den Produkten entstehen Synergien. Carlo-eco wird in Zukunft auch Fahrradtaschen anbieten. So nähern sich unsere Branchen, die von Anfang an als Lifestyle-Produkte zusammenpassten, weiter an. Das merken auch die Leute, die in unseren Laden kommen. Das Konzept wird als stimmig wahrgenommen und zugleich als etwas ganz Neues. Bisher gab es wesentlich mehr Lob als Kritik.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

Wir wollen noch mehr Passage bzw. alternatives Kaufhaus sein und weitere Branchen verbinden. Die Anfragen, Teil des Projekts zu werden, reißen nicht ab. Wir werden sicher noch in das erste Obergeschoss erweitern, u. a. mit einer vegetarisch/veganen Mittagskantine und weiteren Büros für Kreative.

Was ist das Besondere an Görlitz?

Das „Jeder kennt jeden“-Gefühl einer Kleinstadt mit dem kulturellen Angebot einer Großstadt. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben, wenn man das erste Staunen über die Schönheit der Stadt überwunden hat. Man erfährt, wenn man sich einbindet, so viel Unterstützung. In einer Großstadt würde man zwischen vielen Ideen untergehen. Hier wird nahezu alles als besonders gesehen. Das ist – fast immer – sehr angenehm.

Wo seid ihr privat am liebsten unterwegs? Habt ihr noch einen Geheimtipp?

Noch sind wir ja der Geheimtipp. 😉 Sehr empfehlen können wir aber z. B. die Rabryka, ein ehemaliges Fabrikgelände mitten in der Stadt. Das wird jetzt kulturell genutzt. Man wird auf Anfrage tagsüber etwas herumgeführt oder kann selbst das mit Streetart verzierte Gelände erkunden. Abends gibt es, wenn man Glück hat, geniale Veranstaltungen oder einfach Lagerfeuer, bei dem man die Menschen kennenlernen kann, die den jungen Teil der Stadt bewegen.

www.jakobpassage.org