Über das Projekt „MY STORY“ – ein Beispiel für gelebte Integration in der sächsischen Filmbranche.

 MY STORY ist eine Talentschmiede, eine Netzwerkveranstaltung und eine interkulturelle Nachwuchsplattform der sächsischen Filmbranche“, sagt Christian Zimmermann. Der Leiter der Geschäftsstelle des Sächsischen Filmverbands e. V. sitzt an einem sonnigen Mittwoch Ende September mit Organisatorin Kristin Eubling vor dem Boxclub Olympia 05 e. V. in Leipzig-Plagwitz. Hier findet gerade der zweite Workshop von „My Story“ statt. Er erzählt, wie die Projektidee entstanden ist: „Innerhalb des sächsischen Filmverbands haben wir uns vor einem Jahr überlegt, wie wir die filminteressierten Menschen, die zu uns kommen, in die sächsische Film- und Kreativszene einbinden können. Wir wollten Integration ganz praktisch anstoßen und uns mit Flüchtlingen und Migranten mit Filminteresse vernetzen. Denn in ihnen schlummern ja unheimlich viel Kreativität und Know-how. Und natürlich Geschichten.“

Entstanden ist ein einwöchiges Workshop-Konzept, das der Filmverband – unterstützt durch die Mitteldeutsche Medienförderung, die SAB Sächsische AufbauBank sowie den Ludwig Kameraverleih und „So geht Sächsisch“ – umgesetzt hat. Der erste Workshop fand im August in Dresden statt, der zweite im September in Leipzig. Sächsische Filmemacher trafen auf Flüchtlinge und Migranten, die schon länger in Sachsen leben. Fünf Tage lang entwickelten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam aus einer Story, also einer Geschichte, eine Filmidee und setzten das in Kurzfilmen um.

Insgesamt wurden in Dresden und Leipzig 15 Kurzfilme – vom klassischen Dokumentarfilm über fiktionalen Geschichten bis hin zu Spaß- und Experimentalfilmen – gedreht. Inhaltlich sind die Filme so unterschiedlich wie die Menschen, von denen die Geschichten stammen. So erzählt der Film von Sultan Ali Gulzari, Alina Cyranek, Robert Beske und Christian Schunke eine Episode aus Sultans Leben. Ursprünglich aus Pakistan stammend, war er über den Iran in die Türkei geflohen und wollte dort arbeiten. Nach einem schweren Arbeitsunfall verlor er sein rechtes Auge, auch das linke Auge wurde verletzt. Monate musste der 23-Jährige in der Türkei auf eine OP warten. Eine für ihn unheimlich bedrückende Zeit, in der er fast die Hoffnung und seinen Lebenswillen verlor. In Gedichten hielt er seine Verzweiflung fest. Eines dieser Gedichte bildet den Rahmen für den Film „Dunkelheit“. Sultans Worte, auf Persisch vorgelesen, tragen den Zuschauer durch traurige und ruhige Bilder. So erzählt Sultan zusammen mit Alina, Robert und Christian seine Geschichte.

Ein anderer Kurzfilm handelt vom Dankesagen. Der Kosovare Bexhet Laqi erzählt von seiner Flucht während des Balkankrieges. Nur mit einer Plastiktüte mit dem Allernötigsten gelangte er nach vielen Wochen nach Deutschland. Zum Schluss hatte er kaum mehr Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Nur durch die Hilfe von fremden Menschen, die er überall auf der Flucht traf, hat er es bis nach Deutschland geschafft. Dafür möchte er sich heute, nach mehr als 20 Jahren, bedanken. Bedanken bei all denen, die barmherzig waren und geholfen haben. Laqi lebt inzwischen in Leipzig und arbeitet als Dolmetscher und Boxtrainer.

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Ein weiterer Film packt das Thema Integration mit Humor und Leichtigkeit an. Das Team um Tilman König zeigt, wie sich ähnlich sich Deutsche und Syrer sind. Es geht mit einem Augenzwinkern um Gemeinsamkeiten, nicht wie üblich um Unterschiede. Als Stilmittel stellen Zorba Baxos und Fayad Habib deutsche und arabische Sprichwörter oder Weisheiten gegenüber, die im Kern immer die gleiche Aussage haben.

Als diese drei Kurzfilme zusammen mit den anderen Filmprojekten und einem Making-off der gesamten Woche bei der Abschlussgala in Leipzig gezeigt werden, gibt es riesen Beifall. Nach jedem Film kommen die beteiligten Teams nach vorn. Es ist eine offene Atmosphäre, Witze fliegen durch die Luft, der Spaß ist spürbar, den alle in dieser Woche hatten. Die Neusachsen sind stolz, ihre Ideen, ihre Geschichten auf der Leinwand zu sehen. „Very strong team – like a family“, beschreibt der Pakistani Sultan Ali Gulzari, wie sie während dieser Woche zusammengewachsen sind.

Making of

Auch das Team um Christian Zimmermann ist glücklich. Langsam fällt die Spannung von ihm, Kristin Eubling und den anderen Helferinnen und Helfern ab. Ein bisschen erschöpft sehen sie aus nach den intensiven letzten Tagen. „Ich freue mich sehr, dass unsere Idee aufgegangen ist und dass es funktioniert hat. Dass über gemeinsames Arbeiten, gemeinsam Essen und Spaß haben, neue Bindungen entstanden sind. Ich finde, die Filme sind großartig geworden“, sagt Eubling, die die Workshops im Auftrag des Filmverbands organisiert hat. Zimmermann nickt und ergänzt: „Ein herzliches Danke geht an unsere Partner, mit deren Unterstützung wir unsere Idee umsetzen konnten.“

Nun möchte der Filmverband die besten Kurzfilme aus Dresden und Leipzig bei Filmfestivals einreichen, um sie bekannter zu machen. Außerdem sollen die Filme „auf Tour gehen“ und in sächsischen Kulturzentren in der Stadt und vor allem auch auf dem Land zu sehen sein. Christian Zimmermann: „Denn wir haben ja ein nachhaltiges Produkt geschaffen mit den Filmen. Das sollen viele Menschen sehen können.“

Im Frühjahr sollen die nächsten Workshops in Ostsachsen stattfinden. Ein Anfang ist gemacht.

Das Projekt wurde initiiert und organisiert vom Filmverband Sachsen e. V. und tatkräftig unterstützt von der Mitteldeutschen Medienförderung, der  SAB Sächsische AufbauBank und dem Ludwig Kameraverleih sowie So geht Sächsisch.

 

Alle Fotos im Beitrag ©Filmverband Sachsen e.V.