Sachsen ist bekannt für Plauener Spitze, Sebnitzer Seidenblumen und Meißner Porzellan. Doch längst hat sich eine junge Designerszene herausgebildet, die auf vorhandene Handwerkstechniken und faire Produktionsbedingungen setzt – ganz ohne eigene Läden.

Die Sonne über Leipzig schimmert schwach wie durch eine Milchglasscheibe, aber der Chef trägt Sonnenbrille. Auch als er im dunklen Treppenhaus die Stufen zu seinem sogenannten Showroom hochsteigt, eine kleine Neubauwohnung mit nackten Wänden, einem aus der Form geratenen Sofa und Betonmöbeln darin, setzt er die dunklen Gläser nicht ab. Das liegt daran, dass der Chef, der eigentlich Max Steilen heißt, diese Brille gewissermaßen lebt. Der 34-Jährige hat sie designt, er kontrolliert ihre Herstellung, er verkauft sie – jede einzelne persönlich. Und er trägt sie. Für viel Geld eine fast gute Brille verkaufen, das will er nicht. Stattdessen verspricht St. Eilen, für ein bisschen mehr Geld „die eine richtige Brille“ zu produzieren.

St. Eilen ist eines von einigen kleinen sächsischen Labels, deren Gründer sich mit Erfindungsreichtum, Hingabe und unter Rückgriff auf bewährte Handwerkstechniken ein erfolgreiches Nischendasein geschaffen haben. Steilen ist Perfektionist. Einer, der selbst diejenige Brille gravieren lässt, die ausschließlich für ein Fotoshooting gedacht ist. Gelernt hat der Augenoptikermeister beim Kassenbrillenmarktführer Fielmann. Zwölf Jahre war er da, am Ende im Vertrieb, bis er sich für die Selbstständigkeit entschied. Im sachsen-anhaltinischen Magdeburg geboren, lebte er lange in Leipzig, später dann in Lübeck. In die sächsische 550.000-Einwohner-Stadt kam er zurück, weil er sich hier auskannte, aber auch weil es hier einen Brillenladen, wie er ihm vorschwebte, noch nicht gab.

Wenn Steilen anfängt, über Kontrastverstärkung, Verspiegelung und Fototropie zu sprechen, kommt hinter dem geschmeidigen Geschäftsmann der Optikerprofi zum Vorschein. Mit allem, was er wusste, entwickelte er 2013 erst ein Brillenmodell mit mittelgroßen, ovalen Gläsern, später folgte ein zweites, kleineres. Beide passen auf so gut wie jedes Gesicht, als Brille mit Stärke, getönt oder mit Fensterglas. Gefertigt aus mattem italienischem Zellulose-Acetat, liegt die Schönheit der St.-Eilen-Brille in ihren Details: Die Bügel sind so geschwungen, dass sie den Kopf des Trägers nur an der Nase und der Ohrwurzel berühren und daher nicht drücken, auch nicht beim ersten Aufsetzen; das Nasenstück garantiert einen rutschfesten Sitz. Die Gestellfarben reichen von Schwarz über Grau und Flaschengrün bis zu einem Feigenton, „der passt zu allem“. Fertigen lässt Steilen im brandenburgischen Rathenow, einer Stadt mit mehr als 200 Jahren Brillentradition. Die Gläser werden im thüringischen Jena eingesetzt, die Gravierung der Bügel wird in Gräfenhainichen besorgt, das Etui nicht weit von dort entfernt aus Lederresten genäht, von einer Firma, die sonst Porsche-Innenräume nach Kundenwünschen ausstattet. All das geschieht im Umkreis von weniger als 200 Kilometern um Leipzig, aber vor allem: dort, wo man weiß, was man tut. 2015 wurde St. Eilen der Gründerpreis der Sparkasse Leipzig verliehen, beim Sächsischen Staatspreis für Design gewann das Label den Publikums-Award.

St.-Eilen-Brillen gibt es nicht im Geschäft, sie sind ausschließlich bei Steilen selbst erhältlich. Auf seiner Website können sich potenzielle Kunden Papierversionen der beiden Modelle herunterladen, ausschneiden und den Look testen. Der lokale Optiker bestimmt kostenlos die Stärke und den Augenabstand, den Rest der Gläseranpassung nimmt Steilen per Selfie aus der Ferne vor, dann wird verschickt. Als Polstermaterial seiner Pakete benutzt er goldene „Knusperflocken“-Tüten, das ist die mit Knäckebrot hergestellte Zonenversion der Choco Crossies, Spitzname: „Schoko-Ossis“. Viele Kunden kämen aber auch gern in seinen bewusst roh gehaltenen Showroom am Dorotheenplatz im 15 Fußwegminuten vom Hauptbahnhof entfernten Kolonnadenviertel. Seinen Namen hat es von der Straße, deren Plattenneubebauung Ende der 80er-Jahre der Stolz des kurz vor dem Untergang stehenden Staates war. Heute sitzen hier der Leipziger Kunstverein, eine Filmothek mit Späti und das Café Tunichtgut, das so etwas wie die Kantine des Stadtteils ist.

160 Brillen hat Steilen im vergangenen Jahr verkauft, für 485 Euro mit, für 335 Euro ohne Stärke. Er halte seine Marge bewusst etwas kleiner, als es möglich wäre, im Sinne der Qualität. Sein Label steht für eine größere Bewegung von Designunternehmern. Ohne unbedingt selbst Handwerker zu sein, machen sie sich bestehendes Wissen um traditionelle Herstellungsarten zunutze und erhalten es dadurch. Genauso arbeiten sie aber auch mit allem, was ihnen die Digitalisierung zur Verfügung stellt: Facebook, Crowdfunding, Selfies und Blogs. „Neo-analog“ nennt der Kölner Designtheoretiker Michael Erlhoff das, man könnte auch postdigital sagen. Was nicht mehr meint, als dass das Digitale so sehr Teil des analogen Alltags geworden ist, dass es müßig ist, zwischen beidem zu unterscheiden. Gleichwohl belebt die Sehnsucht nach dem „Echten“ seit Jahren alte Manufakturen oder bringt neue hervor, ebenso wie neue Verkaufskonzepte abseits des stationären Handels.

Szenenwechsel. Eine Altbauwohnung im Leipziger Osten. Auf dem Laminatboden im Flur stehen vier mannshohe Rollen weißen Stoffes, im Wohnzimmer essen Lisa Schwalbe, Mark Teucher und Martin Jähnert Pudding; Florian Eidner fehlt. Die vier sind Jahrgang 1985 bis 1991, Freunde, WG-Genossen, Geschäftspartner – und Weltverbesserer. „Wären wir ein Foto, trüge es den Titel ‚motivierte Gruppe‘“, sagt Jähnert. Lisa Schwalbe ist gelernte Bekleidungstechnikerin und stammt aus Thum im Erzgebirge, einem ehemaligen Textilstandort im Südwesten Sachsens. In der Thumer Wäschefabrik, die heute wieder im Besitz von Schwalbes Familie ist, wurde seit 1905 unter dem Namen Dreiklang Nachtwäsche hergestellt. Auf 1000 Quadratmetern stolzer Backsteinarchitektur fertigten zu Hochzeiten 40 Mitarbeiter Pyjamas, ab 1972 als Teil eines Volkseigenen Betriebes. Heute sitzen in einem kleinen, beheizten Teil der Fabrik unter Neonröhren noch zwei Näherinnen an den paar verbliebenen funktionierenden Maschinen: Gisela Walter, Schwalbes Tante, und eine Kollegin, beide Mitte 60. Jahrelang erledigten sie Auftragsarbeiten für kleinere deutsche Unternehmen, leben konnten sie davon mehr schlecht als recht. Die Fabrik stand kurz vor der Insolvenz. „Gisela ist da ein wenig zu sehr Herzgebirge“, beschreibt Mark Teucher, gelernter Vertriebler, das Problem und meint damit: zu freundlich, um einen gerechtfertigten Preis einzufordern. Und davon, dass regional hergestellte Dinge sich derzeit größter Beliebtheit erfreuen, ahnte man im Erzgebirge lange nichts. Als sich Teucher und Schwalbe 2013 kennenlernten, hatten sie Lust, „irgendetwas mit Klamotten zu starten“. Mit dem neu formierten Label Dreiklang wollten sie etwas für die verbliebenen Mitarbeiter und die Region tun.

Das Ziel: regional hergestellte Kleidung, „ehrliche“ weiße und schwarze T-Shirts, teilweise mit Künstlerdrucken, verkauft über die eigene Website. Sie starteten eine Crowdfunding-Aktion, bei der 260 Unterstützer Geld für erste Shirts vorschossen. So kamen 6000 Euro zusammen, von denen Dreiklang im nahen Limbach-Oberfrohna Stoff kaufte und im Ort Oederan Garn. Kein Material sollte eine unnötig lange Reise hinter sich haben. Neben ihren hochwertig verarbeiteten, nach dem weltweiten Bio-Standard GOTS zertifizierten T-Shirts, die mit einer von Gisela unterschriebenen Karte geliefert werden, stellen sie in Zusammenarbeit mit der Berliner Bio-Bäckerei Obergudt Schürzen und Brotsäcke aus in Frankreich angebautem Leinen her. Die Fabrik besuchen die Dreiklang-Leute wöchentlich, die Bestellungen schicken sie vom iPhone auf Gisela Walters Fax – neo-analog.

2015 gewann Dreiklang den mit 2500 Euro dotierten Sächsischen Umweltpreis, aber reich wird so niemand. Viel mehr als um den großen Erfolg geht es den Machern von Dreiklang um das Schöne im Kleinen – darum, gewissenhaft zu handeln und eigenbestimmt zu arbeiten. Insofern sind sie geradezu Bilderbuchvertreter der sogenannten Generation Y. 2018 wollen sie von dem Label leben können. In der Zwischenzeit möchte Teucher Innenarchitektur studieren und Schwalbe Textildesign – im nahen Sachsen-Anhalt.

Keine 50 Kilometer entfernt befindet sich die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, wie sie mit vollem Namen heißt. 1915 reformierte der Architekten Paul Thiersch sie als „Handwerker- und Kunstgewerbeschule“ nach den Ideen des Deutschen Werkbundes, heute sind hier 1100 Studenten eingeschrieben, noch einmal so viele bewerben sich jedes Jahr auf Fächer wie Industrie-, Mode- und Keramikdesign. Die „Burg“ belegt aktuell Platz sieben im von Designfachleuten ermittelten „Red Dot“-Ranking der Designhochschulen in Amerika und Europa – vor der Universität für angewandte Kunst in Wien und dem New Yorker Pratt Institute. „Wir unterstützen das freie Experimentieren, gleichzeitig legen wir in unseren Werkstätten viel Wert auf den Praxisbezug“, fasst der Rektor, der Industriedesigner Dieter Hofmann, das Konzept seiner Universität zusammen. „Damit das Wissen vom Kopf in die Hand geht.“ Man habe hier nie versucht, das Handwerk durch digitale Techniken zu ersetzen, sondern Letztere integriert. Verschiedene Absolventenförderungen dienen dazu, Burg-Absolventen in der Region zu halten. „Wir liegen in der zentralen Region Mitteldeutschland, nahe den Metropolen Berlin und Leipzig“, erklärt Hofmann den Reiz seiner Uni. Die Bundeslandgrenze verhindere, dass Halle zum bloßen Vorort des doppelt so einwohnerstarken Leipzig werde. „Gleichzeitig kann man hier konzentriert und ohne zu viel Ablenkung arbeiten.“

Besuch bei „Stil“, Leipzigs einzigem Einrichtungs-Conceptstore. Eröffnet hat ihn die Kommunikationsdesignerin Stefanie Buschmann erst im vergangenen November, nachdem sie nach acht Jahren in Hamburg zurück nach Sachsen gezogen war. Auf 130 Quadratmetern in einem neobarocken Hofensemble in der Fußgängerzone der Nikolaistraße verkauft Buschmann neben Neuauflagen eines polnischen Midcentury-Sessels und Kupfer- und Marmorküchenzubehör auch: sächsisches Design. Da wären die aus Faden und Beton hergestellten, kokonähnlichen Leuchten von Oliver Schilf, die Betonmöbel und -accessoires des Leipziger Labels Betoniu, die auch in Max Steilens Brillenwohnung stehen, und die feinen Keramikobjekte der Burg-Absolventin Ulrike Sandner. Alles ist luftig um minimalistische Blumengestecke herumarrangiert, die Wände sind größtenteils weiß und leer. Viele Leute kämen zu ihr in den Laden und sähen vor allem verschwendete Verkaufsfläche, sagt Buschmann. Die schlichte Aufgeräumtheit sei für viele Leipziger noch nichts, Touristen, die einen Großteil ihrer Kundschaft ausmachten, verstünden das schon eher. Der Bestseller ist bislang ein Produkt des Dresdner Labels unoferrum, eine moderne Version des Erzgebirgischen Lichterbogens aus Nussbaumholz und Edelstahl.

Auch wenn das Durchgestylte hier nicht jedem gefällt: Leipzig, das angeblich deutschlandweit die größte Dichte an Dawanda-Shops aufweist, ist definitiv Sachsens Designstadt. Es hat das Grassi Museum für Angewandte Kunst, dazu kommen die dem Museum angeschlossene Grassi-Messe, der in der Vorweihnachtszeit stattfindende „Oh Supermarkt“ für Unikate und Selbstgemachtes und die ehemals unabhängige, zuletzt allerdings recht uninteressant geratene Schau „Designer’s Open“. Leipzig, „Hypezig“, das seit Jahren als das neue, günstigere, aufregendere Berlin gilt, war als Messestadt schon immer darauf angewiesen, das Neue und Fremde freundlicher aufzunehmen, als es vielleicht die Dresdner tun. Doch auch dort tut sich etwas.

Johann Ruttloffs Atelier befindet sich in der Neustädter Lößnitzstraße, ein wenig versteckt auf dem ehemaligen Gelände der Dresdner Stadtwerke. Es riecht leicht nach dem Öl von 22 Nähmaschinen, gemischt mit einem Geruch wie frisches Heu. Das ist der Natur-Indigo, mit dem die mehr als 30 Sorten Denim im Regal gefärbt sind, die meisten kommen aus Japan. Er habe lange nach dieser guten, stabilen Qualität gesucht, erklärt Ruttloff. Der 27-Jährige, ein ruhiger Typ mit ganz leichtem sächsischem Dialekt, hat auch kurz Modedesign an der Burg Giebichenstein studiert. „Großartig“ sei das gewesen. Aber dann kam ihm der Erfolg dazwischen. Den Rest hat er mithilfe von YouTube-Videos gelernt oder sich im Laufe der Zeit selbst erarbeitet. 2010, mit 22 Jahren und 1500 Euro Startkapital, entschied er sich, sein Maßjeansatelier „Ruttloff-Garments“ zu eröffnen, heute fertigt er zum Preis von 390 Euro 10 bis 15 Hosen im Monat an, dazu Jeanshemden und -jacken. Seine Kunden kommen aus ganz Deutschland. Entweder reisen sie an oder schicken zumindest eine gut eingetragene und wichtig: ungewaschene Jeans vorbei. „Das reicht von Studenten, die sich etwas leisten wollen, bis zum 85-jährigen Rentner.“ Ruttloff geht auf jeden Körpertyp und jeden Spezialwunsch ein. „Was ich mache, ist permanente Problemlösung.“ Er verstärkt stark strapazierte Stellen, näht die innen liegenden Taschen aus gemustertem Stoff, experimentiert mit Nahttechniken und lässt ansonsten den Stoff selbst wirken. Zwei Wochen dauert das alles in allem – zwei Tage reine Nähzeit –, aber seine Kunden warten auch gern drei Monate auf ihr Modell. Dafür bietet Ruttloff bis zu zwei Jahre nach Kauf einen kostenlosen Reparaturdienst. Er habe durchaus Bedarf und Kapazitäten für einen Mitarbeiter, sagt Ruttloff. „Aber es würde allein ein halbes Jahr dauern, jemandem die Bedienung und Feinheiten aller meiner Nähmaschinen zu erklären.“ Nachwuchssorgen eines Jungunternehmers.

Was bei Ruttloff, dem Für-sich-allein-Tüftler, und den jungen Weltverbesserern Dreiklang noch ein wenig zögerlich rüberkommt, hat Katrin Langer längst professionalisiert: lokal produzieren, global verkaufen. Ohne einen einzigen Store. Sie hat lange als Informatikerin gearbeitet und vier Kinder großgezogen. Vor sechs Jahren begann Langer ihrem künstlerischen Interesse nachzugehen – nach gründlicher Marktanalyse. Ihre 66.000-Einwohner-Heimat Plauen im Vogtland ist für ihre Spitze, für den Musikinstrumentenbau und für Stickereien bekannt, im 16. Jahrhundert wurden hier auch Flussperlmuscheln gefischt und als Perlmutt zur Zierde von Spiegeln und Pistolen verarbeitet. All das lässt Langer ins Design und in die Fertigung ihrer luxuriösen kleinen Abendtaschen einfließen. In den wenigen noch verbliebenen Manufakturen in der Stadt und der Nachbargemeinde Markneukirchen lässt Langer aus afrikanischem Makoré-, aus Nuss- oder Mammutbaumholz ihre stabilen Clutches herstellen, diese füttern, mit farbigem Stoff oder Lammnappa beziehen, anschließend fein besticken oder mit Intarsien verzieren. Etwa 30 Menschen sind an der sechs Wochen dauernden Fertigung einer Tasche beteiligt. Wie das alles genau vonstattengeht, ist Langers sorgfältig geschütztes Betriebsgeheimnis. Die ersten Käuferinnen der mindestens 2245 Euro teuren Taschen waren Dresdner Society-Ladys (oder deren Gatten – 70 Prozent der Langer-Kunden sind Männer), dann entdeckten internationale Mode-Bloggerinnen und Schauspielerinnen die Stücke. Verkauft werden sie direkt über einen Anruf in Plauen, über Schweizer Hotels wie das Baur au Lac und den weltweit operierenden New Yorker Online-Luxusmode-Shop Moda Operandi.

Geschäftszahlen will Langer nicht nennen, aber sie sei sehr zufrieden. Dazu spricht sie von weiteren Distributionsstandorten in Asien und den USA. Aufbau Ost: In Sachen Design ist er in vollem Gang. Und er sieht ziemlich gut aus.

Anne Waak für „Monopol Sachsen“