Wer schon einmal in Austin war, wird uns zustimmen, dass die Stadt vor Kreativität, Tatendrang und frischen Ideen vibriert – so auch die Startup-Szene. Doch wie sieht die Welt eigentlich Sachsen, speziell die sächsische Startup-Szene? Wir haben uns im German Haus umgehört.

Andreas Lenz | Gründer und Geschäftsführer | t3n.de | Heimat- und Arbeitsort: Hannover

Die t3n ist im deutschsprachigen Raum das größte Digitalmagazin. Wir suchen immer nach Schlagschatten und Zukunftsthemen, die für unsere Leserinnen und Leser interessant sind. Die kann man hier super entdecken. Die SXSW ist seit Jahrzehnten eine der innovativsten und schönsten Veranstaltungen in diesem Sektor. Hier mischt sich Kultur und Wirtschaft. Mir gefällt Kunst und Musik, aber auch der Businessaspekt an Startup’s – das kommt hier extrem gut zusammen. Hier kann man sehr viele Trends sehr früh sehen.

Was kann die deutsche Startup-Szene von der SXSW lernen?

Lockerheit, Optimismus und groß an Dinge heran zu gehen. Hier wird nicht nur über Gesetze und Rahmenbedingungen diskutiert, hier wird gemacht und damit Handlungsdruck erzeugt. Es könnte eine Inspiration sein barrierefreier zu denken. Hier spielt auch die Gesetzgebung eine Rolle, die noch etwas konservativer ist.  Die deutsche Startup-Szene ist noch etwas zu defensiv. Der deutsche Markt ist groß genug um deutschsprachige Startups zu starten, daher gibt es wenige, die direkt mit einem globalen Ansatz starten. Das ist schade. Hier sind die Skandinavier weiter als wir. Technologisch gesehen hat Deutschland super Startups. Es fehlt nur noch Mut und gute Stimmung sowie Politiker, die einen positiven Strahl auf das Thema lenken.

Was fällt dir als erstes zum Thema „sächsische Startup-Kultur“ ein?

Niedersachsen, denn da komme ich her [lacht]. Mir fällt als erstes ein, dass Sachsen in der Organisation der digitalen Themen einen Schritt weiter ist als Niedersachsen. Hier könnte man sich noch eine Scheibe von Sachsen abschneiden. Wir könnten vom Freistaat lernen oder gemeinsame Ideen entwickeln.

 

Katharina Gleß und Sandra Hofmann | Gründerinnen und Geschäftsführerinnen | Effektrausch | Heimat- und Arbeitsort: Leipzig

Effektrausch ist ein Atelier für kreativen Content. Wir begleiten Unternehmen im Employer Branding oder erstellen Imagekampagnen. Unsere Stärken sind persönliche Geschichten und starke Bilder. Dieses Jahr sind wir das zweite Mal bei der SXSW in Austin und es ist wieder überwältigend. All das Wissen, was hier geteilt wird, der offene Austausch und der warme Sonnenschein machen die SXSW zu dem, was es ist: ein berauschendes Festival für alle Sinne.

Welchen Unterschied seht ihr zwischen der SXSW und Veranstaltungen in Sachsen?

Die SXSW ist natürlich riesig, es kommen Kreative aus aller Welt zusammen und tauschen sich aus. Das darf man natürlich von einem Event in Leipzig nicht erwarten. Was uns besonders stark auffällt ist die hohe Dichte an Frauen. Wir sind das auf einer Tech-Startup-Kreativ-Veranstaltung nicht gewohnt. Für uns ist es sehr bereichernd all diese Ladies zu sehen, die ihre eigens gegründeten Unternehmen hier vertreten sowie ihr Wissen in Panels oder Vorträgen teilen. Wir wünschen uns für die lokalen Events, dass wir es schaffen diverser zu werden. Wir denken, dass am Ende alle davon profitieren würden. Es ist toll zu sehen, wie Frauen auf der SXSW auf ganz selbstverständliche Art und Weise eine Hälfte der Szene bilden.

 

Sanja Stankovic | Co-Founder Hamburg Startups & Digital Media Women | Leiterin Unternehmenskommunikation DS Produkte | Heimat- und Arbeitsort: Hamburg 

Mit Hamburg Startups sind wir vor fünf Jahren gestartet und machen seitdem die Startup-Szene sichtbarer und verbinden unter anderem lokale Startups mit dem Mittelstand. In unserer Datenbank – dem StartupSpot Hamburg sind über 650 Startups. Diese kommen allein aus der Metropolregion Hamburg. Wir verfügen über tausende von Daten und können genau beobachten, welche Branchen wachsen und wie sie sich entwickeln. Wir haben das Konzept StartupSpot weiterentwickelt und bilden weitere Regionen ab. Für Sachsen steht der StartupSpot Mitteldeutschland in den Startlöchern.

Wenn über Startups in Deutschland geredet wird, geht es oft nur um Berlin. Berlin ist ein großartiger Standort und es passiert auch wahnsinnig viel dort, aber wir wollen auch zeigen, dass sich andere Standorte ebenfalls sehr gut entwickeln. Sachsen ist ein Bundesland, in dem ganz viel im Umbruch ist und Innovation zu verzeichnen ist. Leute aus ganz Deutschland haben Lust, nach Sachsen zu ziehen, nicht zuletzt aufgrund des SpinLabs.

Wie unterscheidet sich die Hamburger Startup-Szene von der Sächsischen?

Sachsen ist natürlich kleinteiliger. Hamburg als Stadtstaat hat ein ganz anderes Ökosystem. In einer größeren Region ist es natürlich schwieriger, alle Startups im Blick zu behalten. Auch die Städte innerhalb einer Region unterscheiden sich manchmal stark. In Regionen, ist man es gewohnt, eine Stunde zu einem Networking-Event zu fahren. Das ist auch das Spannende an Sachsen. Es gibt mehr Ökosysteme, die einander zuspielen und die miteinader ein großes Ganzes bilden.

 

Christian und Maria Piechnick | CEO und Design&Interaction | Wandelbots | Heimat- und Arbeitsort: Dresden

Wir ermöglichen es jedem Menschen mittels intelligenter Kleidung Industrieroboter zu programmieren.

Warum seid ihr mit eurem Startup in Dresden gestartet?

Wir haben uns damals für den Studienort Dresden entschieden. Jetzt ist Dresden der größte Mikroelektronikstandort in Europa. Außerdem haben Firmen wie Volkswagen oder die T-Systems einen Sitz hier. Das ist ein tolles Umfeld für uns. Dresden – der Smart System Hub – ist eines der Industriehubs des Bundesministeriums für Wirtschaft.

Ihr habt den „Smart City and Mobility Pitch“ im German Haus gewonnen. Wie fühlt sich das an?

Christian: Uns geht es hauptsächlich darum, die Atmosphäre hier zu genießen und nicht primär darum, den Pitch zu gewinnen. Es ist aber natürlich eine tolle Anerkennung für unser Startup. Alle Mitstreiter haben sehr gute Ideen. Die Bestätigung und Wertschätzung tut gut, wenn man ein Unternehmen aufbaut. Wandelbots bedeutet uns sehr viel – wir haben zwei gemeinsame Kinder und Wandelbots ist nach all der Zeit fast wie ein drittes Kind [lachen].

Die SXSW ist wie ein strukturierteres Burning Man Festival, extrem cool und lebendig. Es ist ungezwungener als in Deutschland. Ich war die letzten drei Wochen nur unterwegs, unter anderem in Shanghai und San Francisco und nun bin ich in Austin. Ich freue mich, nach dieser Zeit wieder in Sachsen zu Hause zu sein und wenn ich ehrlich bin, freue ich mich darauf, wieder richtig zu arbeiten. Solche Events sind notwendig und aufregend, aber ich habe den Drang, Wandelbots voranzutreiben. Ich arbeite auch im Flugzeug und im Hotel, aber es ist einfach nicht das gleiche. Wir saugen hier noch den Spirit auf und nehmen ihn dann mit ins Unternehmen.

Maria: Mich erinnert das alles hier an die BRN (Anm. Bunte Republik Neustadt, Stadtteilfest in Dresden) – nur größer und strukturierter [lacht].

 

Carl-Luis Rieger| Venture Capital Analyst | Kompass Digital | Heimatort: Leipzig, Arbeitsort: Berlin

Als Venture Capital Analyst habe ich drei Aufgaben. Einerseits geht es um das Thema Dealflow Management. Hier geht es um die Frage, in welches Startup wir investieren wollen. Die zweite Aufgabe ist die Marktbeobachtung und im dritten Teil geht es darum ein Netzwerk für die Marke aufzubauen. Im Vergleich zu Europa ist es einzigartig, dass es in der deutschen Startup-Szene verschiedene Startup-Ökosysteme gibt. Das spiegelt den dezentralen Charakter Deutschlands wieder. Es wird viel über München, Frankfurt und Hamburg gesprochen, aber ich glaube, dass in Zukunft noch sehr viel mehr über Leipzig gesprochen wird. Wir haben gute, patente Leute – darauf kommt es an. Wir haben auch schon erste Initiativen für Startups, die sich hier tummeln. Für die Größe von Leipzig gibt es sehr gute richtungsweisende Steps für die lokale Startup-Szene.

Wenn du mit den Leuten von der Capital Factory sprichst, was mit dem SpinLab vergleichbar ist, fühlt sich Austin ein bisschen wie Leipzig an. Die Leute machen hier richtig viele Sachen und wollen extrem viel aufbauen. Das Gefühl habe ich auch oft in Leipzig.

Was können wir uns von der SXSW abschauen?

Als greifbares Thema könnte man sagen, dass wir in Deutschland einfach noch mehr Konferenzen machen und diese zu einem politischeren Thema machen könnten. Was nicht so greifbar zu erklären ist: eine Kultur um das Thema Startups. Wie anerkannt sind Gründerinnen und Gründer in der Gesellschaft und wie werden Startups gefördert? Das Thema der gegenseitigen Vernetzung sehe ich in Leipzig leider nur unterschwellig im Gegensatz zu anderen Startup-Spots. Man sollte sich öfter auf einen Kaffee treffen und im Gespräch schauen, was herauskommt. Wir haben in Leipzig sehr kleine dezentrale Ökosysteme und jeder macht auf eine gewisse Art und Weise sein Ding. Wir brauchen hier einen stärkeren Austausch. Ich bin vor zwei Jahren nach Berlin gegangen und bin es sogar beinahe Leid – du kannst dort so viel Club Mate trinken, dass du theoretisch niemals in den Schlaf kommen müsstest. Davon gibt es in Leipzig einfach zu wenig – zu wenig Veranstaltungen und die Bereitschaft sich zu treffen auch wenn man noch nicht 100% weiß worauf es hinausläuft. Das muss und wird sich entwickeln.

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