Da wären selbst die heiligen drei Könige neidisch: Seit 1930 fertigt Familie Huss im Erzgebirge Weihrauchkerzen – die man auf keinen Fall Räucherkerzen nennen sollte.

Seinen ersten Arbeitslohn bekam Jürgen Huss vor etwa einem halben Jahrhundert. Auf der Anrichte in der Wohnküche lagen „zwei Ostmark, zwei Apfelsinen aus ’nem Westpaket und Pulsnitzer Pfefferkuchen“ – für den kleinen Jürgen ein Schatz, ein ganzes Jahr hatte er dem Opa dafür geholfen. Wie viel sich seither in dieser Frage verändert hat, schildert Huss’ Tochter Debora Köhler: „Unser Lohn waren die Reisen, die wir mit den Eltern machen durften“ – anstatt auf Apfelsinen aus dem Westpaket zu warten, fuhr man dorthin, wo sie wachsen. Gleichzeitig scheint sich das Erzgebirge nie zu verändern. Wenn es hart auf hart kommt, denken sich seine Bewohner etwas aus. Das war bei Jürgen Huss’ Großvater so, der sich in den Krisenzeiten Ende der 20er Jahre bei einem befreundeten Drogisten ein paar gut riechende Stoffe besorgte, um Duftkerzen für all die Räuchermänner zu ziehen, die in der Gegend gedrechselt wurden. Und als Jürgen Huss 60 Jahre später sein Schicksal nach der Wende lieber in die eigenen Hände nehmen wollte, machte er es wie der Großvater und produzierte in der Karlsbader Straße in Neudorf Räucherkerzen – wobei der heute 56-Jährige da sofort widerspricht. „Wir machen keine Räucherkerzen, sondern ,Weihrichkarzle‘, erzgebirgisch für Weihrauchkerzen.“

Was der Unterschied ist, zeigt Tochter Debora. Die 30-Jährige ist im Familienunternehmen im Vertrieb tätig. Wenn Gäste kommen, schnallt sie sich aber auch mal die Schürze um und bittet in die Schauwerkstatt. Hier sind Schalen mit Harzen, Düften und Gewürzen aufgereiht, von denen sie ein halbes oder ganzes Löffelchen in eine Schüssel gibt. Vanillezucker, Benzoeharz, Zimt, Sandelholz – und eben Weihrauch. Dazu kommt aufgekochte Speisestärke und ein schwarzes Pulver, „Kohle aus Buche oder Linde – die lässt unsere Karzle ganz langsam verglühen“. Wegen der Kohle werden die Kerzen so schwarz bleiben wie der Teig, den Debora Köhler nun knetet. Die Räucherkerzen von den drei Mitbewerbern aus dem Erzgebirge und namenlosen Herstellern aus Fernost würden hingegen oftmals auf der Basis von Holzmehl gemischt. Das lasse die Räuchermännchen zwar stärker qualmen, überdecke aber eben auch manchmal die Aromen. Köhler knetet und knetet den Teig, „alle Harzkrümel müssen zerdrückt werden“, dann rollt sie ihn aus, schneidet ihn in Streifen und die wiederum in kleine Dreiecke. „Schnuppern Sie mal“, sagt sie und hält einem schwarze Pampe unter die Nase, „riecht nach gar nichts, oder?“ Was für eine Weihrauchkerze aber eher eine Auszeichnung sei als ein Mangel. „So verriechen die Aromen auch nicht – sie sind eingeschlossen, bis die Kerzen entzündet werden.“

Während Debora Köhler nun die kleinen Dreiecke zu Kegeln dreht, lässt sich ein Blick in die Stube nebenan werfen. Mit dem alten Holzofen ist sie in etwa so eingerichtet wie die, in der ihre Urgroßeltern mit dem Karzldrehen begannen. An der Wand hängt ein Foto von damals, es zeigt die Familie bei der Heimarbeit in Schwarz-Weiß, aufgenommen vor ihrem alten Haus. Inzwischen hat Huss das ehemalige Forsthaus von Neudorf dazugekauft und umgebaut, hier befindet sich der Laden und die Schauwerkstatt, in der Tochter Debora nun die Karzle zum Trocknen in eine Schachtel gibt. Kreuz und quer durcheinander, wichtig nur: „Sie sollten liegen und nicht stehen.“ Die Weihrauchkerzen für den Verkauf fertigt Jürgen Huss inzwischen in der Halle des Maschinenbauunternehmens, das er auch noch aufgebaut hat. Mit selbst konstruierten Apparaten; jedes Jahr schaffe er so eine halbe Million Packungen – sein Vater und sein Großvater kamen etwa auf ein Hundertstel. Auch wenn die Menge viel größer ist, bis heute produziert der Chef jede Kerze persönlich. „Freitags zwischen vier und acht Uhr morgens ist Karzlzeit.“ Und noch eine Sache ändert sich wohl nie: Wenn Köhlers elfjährigen Zwillingen in den Ferien langweilig ist, dürfen sie mithelfen, etwa beim Verpacken. Wer weiß, vielleicht legt ihnen der Opa ja am Jahresende etwas auf die Anrichte.

www.juergen-huss.de

Dieser Text erschien in „Es weihnachtet“, dem Winter- und Weihnachtsmagazin des Freistaates Sachsen. Das ganze Heft finden Sie hier.