Wenn Silvia Schumann den Schalter umlegt, ist fast alles wie früher. Aber nur fast. In den gewaltigen vom Zahn der Zeit gezeichneten Produktionshallen der Tuchfabrik Gebrüder Pfau beginnen die Maschinen in ohrenbetäubender Lautstärke zu rattern, die Garnspulen drehen sich, die Schiffchen auf den Webstühlen schießen hin und her.

Die Räume sind vom Ölgeruch der Maschinen gesättigt. Alles läuft. Nur dass Silvia Schumann bereits seit 1990 nicht mehr in der Produktion arbeitet, sondern inzwischen in einem Museum. Die Hallen und Maschinen sind ihr ans Herz gewachsen und ein wesentliches Stück ihres Lebens, hier hat sie gelernt und dann 18 Jahre in der Tuchfertigung gearbeitet.

Die Crimmitschauer Tuchfabrik ist ein einzigartiger Ort: Die Maschinen stammen zum Teil noch aus der Kaiserzeit, hauptsächlich aber aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Alles ist voll funktionsfähig und scheint nur in eine Art Dornröschenschlaf versetzt. Da sind noch die Schilder für den Arbeitsschutz, die Aufforderungen zum Energiesparen, der Pausenraum, in dem die Zeitung „Der Tuchmacher“ ausliegt – alles wirkt, als wäre es gerade eben erst verlassen worden. Hier wird plastisch, wie über 100 Jahre lang in der Textilherstellung gearbeitet wurde – vom rohen Wollballen über das Spinnen und Weben bis zum fertigen Stoff. Mit ihrer Größe und den vollständig erhaltenen Maschinen und Gebäuden ist die Pfausche Fabrik einzigartig in ganz Europa. Heute gehört die Fabrik zum sächsischen Industriemuseum.

Silvia Schumann fühlt sich selbst aber längst nicht wie ein Museumsstück. Ihr ist es wichtig, die eigene Geschichte und die Geschichte der Stoffherstellung auch an die junge Generationen weiterzugeben. Und dabei kann man auch lernen, wie aufwändig diese Arbeit war und wie wertvoll Stoff eigentlich ist.

Ohne es vermutlich zu wissen haben zumindest hierzulande viele eine Beziehung zur Crimmitschauer Fabrik: „In den DDR-Haushalten hatte fast jeder Tuche und Stoffe aus Crimmitschau und auch die berühmte DDR-Jeans wurde hier hergestellt“, erzählt Silvia Schumann stolz. Stolz ist sie auch darauf, dass es inzwischen wieder neue Textilfirmen in der Region gibt und damit die Tradition, für die „ihre“ Tuchfabrik steht, so weiterleben wird in Sachsen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.