Wenn man etwas wirklich gut kann, wird es zu einer Kunst, in der man über sich selbst hinaus wächst – egal, worum es geht. Anlagenmechaniker zum Beispiel. Also Klempner. Ein simpler Job? Nathanael Liebergeld aus Aue war gut in seinem Beruf – doch er wollte der Beste sein. Also trat er bei der Weltmeisterschaft der Handwerksberufe an: den World Skills. Und gewann. Wir stellen vor: Deutschlands Weltmeister-Klempner. Oder Klempner-Weltmeister?

Zu seinen örtlichen Berühmtheiten zählte das Waldhufendorf Königswalde im Erzgebirge nahe der tschechischen Grenze bisher einen Chronisten aus dem 17. und einen Mundartdichter aus dem 19. Jahrhundert. Doch seit Herbst 2015 kann die Gemeinde mit Stolz auf einen weiteren ihrer Söhne verweisen: Nathanael Liebergeld, 22 Jahre alt, Weltmeister der Installateure. Ja, eine solche Disziplin gibt es! Und das ganze Dorf hat per livestream mitgefiebert an jenen vier Tagen im August 2015, als Nathanael sich mit seinen Kontrahenten bei den Berufe-Weltmeisterschaften Worldskills in São Paulo ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte. Fast 1200 Teilnehmer aus 59 Ländern mit rund 50 verschiedenen Berufen waren in Brasilien angetreten. Am Ende entschieden 0,07 Punkte über Liebergelds Sieg.

Trotz seiner Jugend unaufgeregt und in sich ruhend, ist der Champion bei dem ganzen Rummel um seine Person gelassen geblieben: All die freudigen Gesichter am Frankfurter Flughafen, wo die Familie, Freunde und Kollegen darauf warteten, dass er mit seinem Trainer André Schnabel dem Sieger-Flieger entstieg. Die vielen Interviews, der Auftritt im Fernsehen, der Empfang beim sächsischen Ministerpräsidenten und schließlich sogar bei der Bundeskanzlerin – als deutsche Schirmherrin der Berufe-Weltmeisterschaften. „Sie sind ein Botschafter der dualen Ausbildung“, lobte Angela Merkel den gut aussehenden jungen Mann. Der ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Nathanael Liebergeld

Bereits seit 65 Jahren liefern sich Auszubildende, Studierende und junge Fachkräfte aus der ganzen Welt bei den Worldskills einen freundschaftlichen Wettstreit. Und der genießt in vielen Ländern hohes Ansehen. Die Schweizer Berufe-Nationalmannschaft etwa wird bei der Abreise von Jagdfliegern der Luftwaffe bis an die Landesgrenze eskortiert – und dort bei der Rückkehr wieder in Empfang genommen. In Südkorea feiert man heimische Gewinner wie Spitzensportler, ihnen winken neben Ruhm und Ehre ein Haus und viel Geld. In Deutschland dagegen ist die Berufe-Olympiade, die alle zwei Jahre ausgetragen wird, wenig bekannt und die Finanzierung mühselig. „Das zeigt die oft geringe Wertschätzung für das Handwerk hierzulande“, sagt Liebergeld.

Ein anspruchsvoller Job

Tatsächlich prägt noch immer die Vorstellung von strengen Meistern, Knochenarbeit, unattraktiven Arbeitszeiten und niedrigen Einkommen das Image der Zunft. Viele Betriebe haben Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Es scheint vorbei zu sein mit dem goldenen Boden – Handwerk gilt bei vielen jungen Leuten in Zeiten des Internets als hoffnungslos überholt.

Nathanael Liebergeld ist ein Paradebeispiel dafür, dass Handwerk im Allgemeinen und sein Metier als Installateur eine spannende Sache sein können. Für ihn stand sehr früh fest, dass er Heizungs- und Sanitärfachmann werden würde. Schon als Schüler hatte er im Installationsbetrieb eines Onkels Praktika absolviert. Er fand die Arbeit interessant und abwechslungsreich. Leider hatte der Onkel einen Sohn im gleichen Alter wie sein Neffe – und gab die freie Lehrstelle dem potenziellen Firmennachfolger.

Das sollte sich als Glück für Liebergeld und seinen späteren Ausbildungsbetrieb Drechsler Haustechnik in Ehrenfriedersdorf herausstellen. Anja und Matthias Ziegler, die den Betrieb als modernes mittelständisches Unternehmen führen, konnten einen talentierten, engagierten Azubi gut gebrauchen. Denn die Arbeit ist zwar körperlich leichter und sauberer geworden – aber auch anspruchsvoller. Höchste Hygienestandards etwa beim Trinkwasser, strenge Umweltschutzvorschriften bei der Abwasserentsorgung, die Einbindung von regenerativen Energien in kombinierte Heizsysteme, immer mehr Elektronik auf dem Weg zum Smart Home: Da ist nicht nur Körpereinsatz, sondern vor allem Köpfchen gefragt.

Akkurate Anordnung: So sehen bei Installateur-Wettkämpfen erledigte Prüfungsaufgaben aus. Der Name rechts oben beweist, dass es sich um einen echten Liebergeld handelt.

Ein ehrgeiziges Training

Der Neue war schnell beliebt bei den Altgesellen und Meistern im Betrieb, die sonst schon mal stöhnen, wenn sie sich um den Nachwuchs kümmern sollen. „Nathanael hat von Anfang an mitgedacht, immer nachgefragt, wenn er etwas nicht verstanden hatte, und manchmal auch nach Feierabend an der Lösung eines Problems getüftelt“, schwärmt Anja Ziegler. 2014 legte Liebergeld seine Prüfung zum Gesellen der Innung Sanitär, Heizung, Klima ab – als Jahrgangsbester. Die Zieglers übernahmen das Ausnahme-Talent in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, und die Innung schlug Liebergeld für die Qualifizierungswettkämpfe zu den Worldskills vor. Der kannte den Wettbewerb bereits, weil  er 2013 in Leipzig stattgefunden und Liebergeld dort einen Infostand der Handwerkskammer Chemnitz betreut hatte. „Ich wusste sofort“, sagt er, „dass ich in Brasilien dabei sein wollte.“

Doch zunächst musste er seine Chefin überzeugen, denn ein monatelanges Training vor der WM würde seinen Einsatz für die Firma beeinträchtigen. Weil er wusste, dass Matthias Ziegler für solche Unternehmungen ein offeneres Ohr haben würde, wandte er sich an ihn. „Das hat er schon klug angestellt“, sagt Anja Ziegler. Sie ließ sich von ihrem Mann überzeugen, dass man einem so guten Mitarbeiter entgegenkommen müsse. Sogar in die Innung sind die Zieglers wegen Liebergeld eingetreten.

Der hatte inzwischen begonnen, intensiv zu trainieren, das heißt: unter Zeitdruck arbeiten und dennoch exakt. Denn genau das war gefragt beim nationalen Endausscheid auf der Mitteldeutschen Handwerksmesse in Leipzig. Unter den strengen Augen der Juroren musste Liebergeld ein Gestell für eine Vorwand bauen, in dem Heizungs- und Sanitärleitungen sowie Wasseranschlüsse für Waschbecken und WC zu verlegen waren. Den ebenfalls geforderten Handtuchheizkörper aus Kupfer in Form des Leipziger Völkerschlachtdenkmals hat Liebergeld später der Kanzlerin geschenkt. „Die Arbeit vor Zuschauern, im Lärm einer großen Halle – so etwas war ich im Alltag nicht gewohnt, das war das beste Mentaltraining für mich“, beschreibt Liebergeld die Wettkampfsituation. Er behielt die Nerven, gewann und löste damit sein Ticket für São Paulo.

Nathanael Liebergeld (links) wollte mehr als nur gut arbeiten – er wollte der Beste sein. Sein Chef Matthias Ziegler ließ ihm dafür den nötigen Raum.

Also folgten weitere dreieinhalb Monate harten Trainings  im Bundesleistungszentrum Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik in Schweinfurt, in internationalen Trainingslagern in der Schweiz, Irland und Schottland oder am Wochenende und an Feiertagen in der Werkstatt seines Betriebs. „Zusammen mit meinem ehemaligen Ausbilder und meinem Trainer haben wir die Kombination aus Geschwindigkeit und Genauigkeit optimiert, die Arbeitsabläufe perfektioniert und uns auf die Bedingungen in São Paulo eingestellt“, erzählt Nathanael Liebergeld. „Ich hatte damals für nichts anderes mehr Zeit, aber das hat mich nicht gestört. Ich kann extrem ehrgeizig sein, wenn ich etwas erreichen will. Und ich wollte den Weltmeistertitel, was sonst!“

Um tatsächlich am Ende von vier Wettkampftagen ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen, musste er eine Fußbodenheizung für ein Bad berechnen und bauen – von der Begutachtung der Anlagenzeichnungen über die Materialbestellung bis zum Design, der Konzeption und Installation. Dabei gab es einige Hürden zu überwinden. Die Qualität des Materials in Brasilien war schlechter: Wo in Deutschland Rohrverbindungen heute fast nur noch gepresst werden, musste Liebergeld sie im Wettbewerb löten. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass ihm ein wichtiges Werkzeug fehlte. Also reiste Matthias Ziegler seinem jungen Gesellen kurz entschlossen mit einem vier Kilogramm schweren Schneidgerät im Handgepäck hinterher.

Aus dem Konzept haben Liebergeld diese Widrigkeiten nicht gebracht – so wenig wie die schweißtreibende Wärme und eine johlende Kulisse von 10 000 Zuschauern. Seine ruhige, konzentrierte Art übertrug sich sogar auf seinen Trainer André Schnabel. Der sagte später in einem Interview, er sei so entspannt wie nie zuvor bei einem Wettkampf gewesen. Er habe Nathanael gesehen und gewusst: „Wir sind ganz vorne mit dabei.“

Natürlich fragen den Klempner-Champion nun viele, wann er seinen eigenen Betrieb gründen wird. Nathanael Liebergeld weiß es noch nicht. Zwar hat er mehrfach bewiesen, dass er ein absoluter Meister seines Fachs ist. Aber trotzdem besucht er jetzt erst einmal die Meisterschule.