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Ja, auch die Spitzendeckchen wie auf Omas Sofa sind noch verfügbar, doch bei aller Tradition geht die Spitze neue Wege: „Spitze ist heute viel, viel mehr“, erklärt Christina Langer in der „Lochkarte 36“, dem schicken Showroom in der Bahnhofstraße 36, der als Schaufenster für eine Arbeit dient, die oft im Verborgenen stattfindet. „Wir nehmen auch die technologische Seite in den Blick“, sagt Langer, die am Deutschen Innovationszentrum für Stickerei in Plauen tätig ist, und greift ins Regal: „Diese Kühlmanschette wird in einen Gipsverband eingearbeitet, damit Knochenbrüche schneller und besser versorgt werden können“, sagt sie. Der Clou ist ein aufgestickter Schlauch, dessen Enden dann aus dem Gips ragen, der mit Kühlflüssigkeit gefüllt wird.

Verkaufsschlager mit Rückschlägen

Die maschinengefertigte Spitze machte Plauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Boomstadt, der „Spitzen-Rausch“ hatte die Welt im armen Vogtland auf den Kopf gestellt. Die Bevölkerung Plauens verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre, sodass im Jahr 1912 sogar 128 Menschen in der nun viertgrößten Stadt Sachsens lebten und in mehr als 2 Unternehmen die Stickmaschinen ratterten. Die ganze Welt war verrückt nach den luftig-eleganten Preziosen aus dem Vogtland. Doch dann kamen die Zwanzigerjahre: Coco Chanel revolutionierte mit geraden Schnitten die Modewelt – Borten und Rüschen waren passé, für die Plauener Spitze brachen schwere Zeiten an.

Das Ende einer Erfolgsgeschichte? Keineswegs. 1949 brachte die noch junge DDR ihre erste Exportkollektion Plauener Spitze auf den Markt, die sich über Jahrzehnte als verlässlicher Devisenbringer erwies. Nach dem Mauerfall gelang den Spitzenstickern aus dem Vogtland der erfolgreiche Neustart, etwa 35 Unternehmen mit rund 600 Mitarbeitern liefern heute Plauener Spitze in alle Welt.

 

Die Mode bleibt, die Technologie bestimmt die Zukunft

Im Showroom zeigt Christina Langer ein dünnes Vlies mit aufgesticktem Heizdraht, der als Schuhheizung verwendet wird und dekorative Wandelemente, die von Innenarchitekten für eine bessere Akustik verbaut werden. Derlei technische Anwendungen oder aufgestickte elektronische Bauteile gehören zur Zukunft der Erfolgsgeschichte aus Plauen. Doch ein Blick in die „Lochkarte 36“, die nach den Lochkarten benannt wurde, die den riesigen Stickmaschinen früher die Muster vorgaben, zeigt: Wohnaccessoires und Mode stellen weiterhin den größten Anteil in der Produktpalette. Auf Kissen, Tischwäsche, Schmuck und Kleidern sind feine Muster zu finden, die man oft erst beim zweiten Blick als Spitze identifiziert. „Sie kommt einfach nicht aus der Mode“, resümiert Christina Langer und der Erfolg des Plauener Exportschlagers gibt ihr Recht: Auf dem mondänen Wiener Opernball 2013 wurde eine Spitzenkreation der Designerin Irene Luft zum schönsten Kleid des Balls gekürt.

www.plauenerspitze.info