Dresden, Messegelände, ein Donnerstagmorgen, kurz nach 8 Uhr. Stimmengemurmel. Eine Durchsage: „Wir beginnen in Kürze – bitte nehmen Sie Ihren Platz ein.“ Männer und Frauen in seriösen Anzügen, gedeckte Farben dominieren, sie strömen durch die Eingänge, reihen sich ein. Ein Gong erklingt. „Bitte schalten Sie Ihre Telefone aus.“

Punkt 9 Uhr. Der Flug beginnt. Ein Flug in die Zukunft. Ein ganzer Tag voller „Future Technologies“.

Genau einhundert Wissenschaftler haben sich hier zu einem Science Match versammelt, der Freistaat Sachsen und der Tagesspiegel haben eingeladen. Mehr als anderthalb tausend Besucher sind gekommen, sich das geballte Wissen in leicht verdaulichen Häppchen anzuhören.

Mit der Begrüßung durch Ministerpräsident Stanislaw Tillich hebt die Zukunftsmaschine ab. Es geht Schlag auf Schlag. Die Regeln sind einfach. Drei Minuten hat jeder Wissenschaftler, die Zuhörer von seiner Idee, von seinem Projekt zu begeistern. Die Vorträge sind in einzelne Sessions gegliedert. Dazwischen Pausen, damit man mit den Speakern ins Gespräch kommen kann.

3 Minuten Redezeit standen jedem Referenten zur Verfügung. Foto: Ronald Bonss

„Eine neuartige, theranostische Kombination zellulärer Immuntherapie – das Imaging von Tumoren“ – das Publikum lauscht gebannt den Worten  von Michael Bachmann vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, der von einer ganz neuen Forschung zur Krebstherapie berichtet. Dann ein lautes Räuspern. Das ist das Zeichen, er hat nur noch 30 Sekunden. „Es ist schon gelungen, in Mäusen Tumore sichtbar zu machen und sie zu heilen.“ Beifall, der nächste Wissenschaftler steht bereit.

In der ersten Session geht es um Life Sciences, Energie- und Umwelttechnologien. Entsprechend gemischt sind die Vorträge. Es geht um Genom-Chirurgie, nahtlose Gewebetransplantation und Textilforschung. Trotz der hochkomplexen Materie gelingt es den meisten Vortragenden, ihr Forschungsprojekt allgemeinverständlich auf den Punkt zu bringen. Die Aufmerksamkeit wächst, wenn auf den riesigen Leinwänden ein Video abläuft oder noch besser: der Redner mit einer weiteren Person interagiert. In der zweiten Session, jetzt geht es um Informations- und Kommunikationstechnologien und Mikroelektronik, gibt es das erste Mal Zwischenapplaus für eine maschinelle Live-Übersetzung per Smartphone.

Die Köpfe rauchen.

Von einem Schaufenster für Sachsen und einem Schaufenster aus Sachsen heraus hatte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) gesprochen. Und Sebastian Turner, Herausgeber des Berliner Tagesspiegels, ergänzte: „Nachhaltigkeit und Toleranz sind sächsische Tugenden.“ Er lobte den sächsischen Erfindergeist.

Das Schaufenster war auf Hochglanz poliert und zeigte eine Wissenschaftsbreite, die beeindruckt. Da gibt es den Somnomat, der durch gezieltes Schütteln den Schlaf so verbessern soll, dass man nur noch sechs statt acht Stunden braucht, oder die Gen-Schere plus Gen-Kleber, die virenverseuchte Zellen reparieren soll. Eine klinische Studie ist schon geplant.

Konrad Ehelebe vom Fraunhofer Institur arbeitet an einer Laboranlage, die es ermöglicht, aus CO2 und Wasser bei Raumtemperatur Ameisensäure zu produzieren. Foto: Ronald Bonss

Zwischendurch etwas zum Schmunzeln mit „August, der Smarte“ – ein Roboter, entwickelt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Der kommt schon  als Assistent bei der Senioren-Betreuung als Nachtwächter oder Interaktionspartner für die Skatrunde zum Einsatz.

Bei einigen Projekten lässt sich das Potenzial fast mit den Händen greifen. So, als Christian Wölfel von der Technischen Universität Dresden über die Veränderungen bei Landmaschinen sprach. Automatisierte Mähdrescher, die ohne Fahrer auskommen und nicht mehr tonnenschwer, sondern flink, leicht, smart und vernetzt sind. Der GPS-gesteuerte Rasenmäher macht’s schon vor. Die Landwirtschaft steht offenbar vor großen Umbrüchen.

Andere Projekte klingen wie aus einer fernen Zukunft. Holografie, die kennt man aus Science-Fiction-Filmen. Für ein solches System braucht man Mikrospiegel, bis 4 Mikrometer klein, am besten 30 Millionen davon auf einem Chip. Das entspricht einer Dichte von rund 800 Spiegeln pro Haaresbreite, und diese müssen sich dann 1000 mal pro Sekunde ausrichten – Future-Technologies? Ja, aber die Forscher sind schon ganz nah dran an der Realität; derzeit gibt es erste Chips mit bis drei Millionen Spiegeln.

Gegen 17 Uhr setzte der „Future-Technologies“-Flug zur Landung an. Beim Get-Together tauschten Wissenschaftler und Investoren Visitenkarten. Fazit des Tages: Sachsen hat eine bemerkenswerte Fülle an klugen Köpfen und Menschen, die täglich von Sachsen aus vernetzt in aller Welt daran forschen, diese besser, smarter oder einfach etwas gesünder zu machen.

Nach den Match-Runden kam man in der Speakers Corner mit den Referenten ins Gespräch. Foto: Ronald Bonss