Am Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik lassen unscheinbare Würmer auf eine medizinische Revolution hoffen.

Der Plattwurm Schmidtea mediterranea wird maximal zwei Zentimeter lang und ist auf den ersten Blick weder schön noch unterhaltsam. Dennoch kann Jochen Rink nicht genug von ihm bekommen. Oder besser: genügend. Denn wann immer der Wissenschaftler einen der Würmer mit dem Skalpell zerteilt, muss er nur zwei Wochen warten und aus jedem der Teilstücke ist wieder ein kompletter Wurm geworden. „Das Faszinierende daran ist: Jedes Gewebestück bildet stets nur die Teile nach, die zum kompletten Wurm fehlen“, erklärt Rink. „Fehlt der Kopf mit Gehirn und Augen, werden eben diese nachgebildet oder es wächst bei Bedarf nur ein fehlendes Schwanzstück nach.“

Faszinierende Regeneration

Es sind entscheidende Fragen, die sich der Molekularbiologe Rink am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden stellt. Er ist einer von 400 Wissenschaftlern aus 45 Nationen, allein in seiner zwölfköpfigen Arbeitsgruppe sind Forscher von drei Kontinenten vertreten. Gemeinsam wollen sie herausfinden, wie der Wurmorganismus nach einer Verletzung weiß, welche Körperteile fehlen. Und wie diese Informationen auf zellulärer Ebene verarbeitet werden, damit undifferenzierte Stammzellen zur rechten Zeit und am rechten Ort zu Nerven- oder Gehirngewebe werden. „Wenn wir darauf Antworten finden, können wir eines Tages vielleicht sogar auch die Regenerationsprozesse beim Menschen beeinflussen“, hofft Jochen Rink. Das ist Zukunftsmusik – gar keine Frage. Doch ohne die Grundlagenforschung von Rink und Dutzenden anderen Teams am Max-Planck-Institut bliebe diese Hoffnung nur ein Traum. Auch deshalb macht sich Rink immer wieder in entlegene Gegenden der Welt auf, um neue Plattwurmarten zu finden und ihre Regenerationsfähigkeiten zu vergleichen. Derzeit entsteht eine Datenbank mit Gensequenzen der einzelnen Wurmarten, mit der die Wissenschaftler zukünftig nach den feinen genetischen Unterschieden fahnden können, die darüber entscheiden, ob sich eine Art regenerieren kann oder nicht. Klar ist aber schon heute: „In den entscheidenden Genen gibt es viele Parallelen zur DNA des Menschen“, verrät Jochen Rink. „Die Herausforderung besteht deshalb darin, ihr Zusammenspiel während der Regeneration zu verstehen.”

Grundlagenforschung im Fokus

Damit Wissenschaftler wie Jochen Rink immer wieder kreative Forschungsansätze finden, setzt das Dresdner Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik auf Internationalität und Fluktuation. „In der Regel sind die Kollegen – 60 Prozent stammen nicht aus Deutschland – fünf Jahre am Institut und können ihren Vertrag maximal um vier Jahre verlängern“, erklärt Sprecher Florian Frisch.

Auf diese Weise soll immer ein frischer Wind am MPI wehen, und für die meist jungen Forscher sei das auch ganz normal so – der Altersdurchschnitt liegt bei 33 Jahren. Gemeinsam folgen sie dem Grundsatz „Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen“, den Max Planck einst prägte und der die gleichnamige Gesellschaft zu Deutschlands erfolgreichster Forschungsorganisation machte. 82 Institute der Max- Planck-Gesellschaft widmen sich heute der Grundlagenforschung in den verschiedensten Wissenschaftsbereichen. In Dresden geht es um das komplexe Zusammenspiel von Molekülen und Zellen, aus denen Gewebe und Organe entstehen und schließlich ein ganzer Organismus – sei es ein Plattwurm oder ein Nobelpreisträger.