06_good-morning-heiszt-die-von-den-leipzigern-entwickelte-eigenmarke

Ein besonderer Geist durchzieht den Online-Kontaktlinsenversandhändler Lensspirit in Leipzig. Mit Erfolg – die Europäische Kommission hat das Unternehmen kürzlich mit dem renommierten Preis „Europe’s Digital Icon“ ausgezeichnet.

1997 in einer Küche im Leipziger Norden. Swetlana Reiche, gerade mal 25 Jahre alt, sitzt mit Freunden zusammen und spinnt Zukunftspläne. „Man müsste einen Kontaktlinsenversand aufziehen, so was gibt’s in Amerika schon, habe ich gelesen“, sagt einer. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, 1991 von der Krim nach Sachsen gekommen, findet das eine großartige Idee. Swetlana Reiche fängt Feuer und beginnt einfach. Fragt Lieferanten an, schaltet erste, selbst gelayoutete Anzeigen in Wochenzeitungen. „Und das Verrückte war, es haben sich wirklich Kunden gemeldet. Drei bis sechs Bestellungen hatten wir anfangs pro Tag“, erinnert sich die Unternehmerin.

EU-Preis für Lensspirit als einziges deutsches Unternehmen

Heute sind es im Schnitt 15 Bestellungen pro Monat. Lensspirit ist in den vergangenen 17 Jahren zum größten inhabergeführten Kontaktlinsenversand in Deutschland gewachsen. Passte das Sortiment am Anfang noch in einen Schuhkarton, stapeln sich heute 100 Produkte im Lager. „Wir liefern inzwischen in 26 Länder“, erzählt Reiche. Im Oktober 2014 wurde Lensspirit als einziges deutsches Unternehmen mit dem „Europe’s Digital Icon“ als herausragendes E-Commerce-Unternehmen auf der „Europäischen KMU-Woche“ geehrt. Das ist eine Initiative der Europäischen Kommission, um kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) zu fördern. Swetlana Reiche fuhr nach Neapel zur Prämierung und sprach vor der internationalen europäischen Wirtschaftselite über ihre Erfahrungen als Unternehmerin. „Die aufregendsten siebeneinhalb Minuten meines Lebens“, beschreibt sie die Zeit auf dem Podium. Was ist ihr Erfolgsrezept? „Ich glaube, ich habe ein Händchen dafür, zu jeder Zeit die richtigen Menschen zu treffen, die mir und dem Unternehmen weiterhelfen. Und ich nehme mir nicht zu viel vor. Die Strategie der kleinen Schritte, das ist es, was uns voranbringt“, so die 42-Jährige.

Unternehmerin und Mutter

Mit Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen bewältigt sie auch Krisen. „Klar gab es in den ganzen Jahren auch harte Zeiten. Zum Beispiel als wir 2010 unsere Software umgestellt haben. Wir mussten große Umsatzeinbrüche verkraften und ich hatte schlaflose Nächte … Hm, irgendwie kann ich einfach nicht aufgeben“, sagt sie mit einem kleinen Lächeln. Sie schafft es, weil sie es schaffen will und weil es ihr Spaß macht. Und so ist sie nicht nur Unternehmerin mit 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie ist auch Mutter von zwei Söhnen, zwölf und zwei Jahre alt. Wie sie das alles managt? „Na, wie andere berufstätige Mütter auch, ich organisiere mir Hilfe“, meint sie. Sie liebt ihren „eigenen Laden“, das spürt man. Und sie führt ihn auf ihre Weise, kreativ und offen. „Mir ist es wichtig, meinen Mitarbeitern zuzuhören.“

Kreative Mitarbeiterführung

Einmal im Monat gibt es einen so genannten „FunFriday“. An diesem Tag verkleiden sich alle zu einem bestimmten Motto. Was wie ein Tipp aus einer amerikanischen Managementbibel klingt, ist aus einem Mitarbeitergespräch entstanden. „Ich fand die Idee gut und habe sie aufgegriffen. Nach dem ersten Mal fanden es alle so super, dass wir es nun monatlich machen.“ Ein weiteres Beispiel, Ideen der Mitarbeiter aktiv umzusetzen, ist der „Lensspirit-Muttertag“. Swetlana Reiche: „Viele Eltern können sich gar nicht vorstellen, was ihre Kinder arbeiten. Noch dazu, wenn sie nicht aus Deutschland kommen. Bei uns arbeiten Menschen aus acht Nationen, darunter Russen, Litauer, Weißrussen, Kasachen. Also haben wir unsere Eltern eingeladen, für sie gebacken, kleine Geschenke gebastelt und ihnen unsere Arbeitsplätze gezeigt.“ Wie das ankam? „Fast alle Mütter haben geweint, so dankbar und gerührt waren sie. Und wir mit.“