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Wenn sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper wendet, wird es oft gefährlich. Dresdner Forscher halten dagegen.

Das immunologische Abwehrsystem des Menschen ist eine komplexe Angelegenheit, selbst für Wissenschaftler wie Karsten Kretschmer. Eigentlich soll es Krankheitsrerreger bekämpfen, aber bei so genannten Autoimmunkrankheiten wendet es sich gegen gesunde Körperzellen. Wie es dazu kommt, erforscht der Professor am Dresdner Center for Regenerative Therapies (CRTD) deshalb seit vielen Jahren – erste Erfolge seiner Arbeit sind in Sicht.

Programmierte T-Zellen

Eine der häufigsten Autoimmunerkrankungen ist Diabetes mellitus Typ 1, ein Spezialgebiet des jungen Professors. „Bei dieser erblichen Diabetes-Variante zerstört die körpereigene Immunabwehr die Beta-Zellen, die das Insulin für den Zuckerstoffwechsel produzieren“, erklärt Kretschmer. Abertausende Diabetiker weltweit leiden daran und sind auf künstliches Insulin oder die Transplantation neuer Beta-Zellen angewiesen. Hinzu kommen Medikamente, die oft das gesamte Immunsystem schwächen. Um den betroffenen Menschen zu helfen, untersuchte der Wissenschaftler mit seinem Team, wo die Weichen für den fatalen Kampf gegen gesunde Zellen gestellt werden. „Wir wissen jetzt, dass die angreifenden ‚T-Zellen’ des Immunsystems aufgrund falscher Informationen auf gesunde Zellen losgehen“, erklärt Karsten Kretschmer. Diese Informationen liefern spezielle „Wächterzellen“, die ständig Informationen aus dem Organismus aufnehmen und etwa im Falle einer Infektion die T-Zellen mit den nötigen Informationen versorgen. „Wenn aber von dort die Anweisung ‚Beta-Zellen angreifen’ kommt, wird es gefährlich“, sagt der Wissenschaftler und hatte deshalb mit seinem Team nach einem Ausweg gesucht – mit Erfolg. „Im Tiermodell konnten wir die Wächterzellen so beeinflussen, dass die T-Zellen keine falschen Informationen mehr bekamen“, so Kretschmer. Die aufwändige Forschungsarbeit hat mehrere Jahre gedauert, aber für viele Patienten wächst dadurch die Chance auf ein besseres Leben.

Der Weg zur Exzellenz

Auf dem Weg zur Therapie von Autoimmunerkrankungen ist der Erfolg von Karsten Kretschmer und seinen rund 20 Mitarbeitern ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig zeigt er, dass exzellente Forschungsbedingungen die besten Köpfe aus der ganzen Welt anzieht: Mehr als ein Drittel der rund 200 CRTD-Mitarbeiter kommen aus insgesamt 27 Nationen von fünf Kontinenten. Kretschmer selbst forschte bis 2007 unter anderen in Italien und an der renommierten Harvard Medical School in Boston. „Ein wichtiger Punkt für Dresden war natürlich das Tenure-Track Verfahren“, sagt der frischgebackene Professor. In Kooperation mit dem Freistaat Sachsen und der TU Dresden bietet dieses einmalige Verfahren dem CRTD die Chance, dass hervorragende junge Wissenschaftler nach festgelegten Kriterien auch jenseits der klassischen Universitätslaufbahn eine Professur erhalten können. Der Forschungsstandort Sachsen profitiert von solchen praxisnahen Lösungen, wie die Entwicklung des Forschungszentrums für Regenerative Therapien Dresden beispielhaft zeigt: Als interdisziplinäres Netzwerk gegründet, wurde es Anfang 2006 von der Deutschen Forschungsgesellschaft als DFG-Forschungszentrum anerkannt. Damit spielt das CRTD in der „ersten Liga“ deutscher Spitzenforschung, im Oktober 2006 konnte es sich zudem im Rahmen der Exzellenzinitiative als Exzellenzcluster der Technischen Universität Dresden durchsetzen. Und auch für die Zukunft stehen die Chancen für wegweisende Therapien gut – im Juni 2012 wurden beide Förderungen erneut bestätigt.